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Achse speaks: Preview auf die Reportage – Die Käfigkämpfer
#2
Harold Woetzel hat nach dem Heidelberger Studium und der Promotion in Philosophie, Germanistik, Romanistik und Sport („Mens sana in corpore sano“) an verschiedenen Universitäten in Marokko und Deutschland Semiotik und Literatur unterrichtet, dann die Kultur 8 Jahre als Veranstalter gepflegt und ist schließlich beim SÜDWEST Fernsehen als Dokumentarfilm-Regisseur gelandet.
Seine Lieblingsfilme, die er gemacht hat, drehen sich um Fußball, Musik (von Mozart bis Industrial), Kunst und (Sub-)Kulturen, aber auch Wissenschaft und Politik.
Zu seinen letzten Arbeiten gehören:

- Deutsche Lebensläufe: Wilhelm Busch.
(SWR und 3sat, 45 min) - nominiert für den Grimme Preis
- Die Muckibude. Hanteln, Schweiß und harte Jungs
(SWR und ARD, 30 min)
- Die letzten Schlachtgesänge. Von Meistersingern und Stammesritualen im Stadion
(SWF und ARD, 53 min) - ausgezeichnet mit dem Goldenen Gong, nominiert für den Grimme Preis
- Experiment Steinzeit. Über die Alpen wie Ötzi.
(SWR und ARTE, 90 min)
- Mozart in Mannheim.
(SWR und 3sat, 45 min)
- Gelesen Gelacht Gelocht. Vom Irrsinn der Beraterrepublik (mit Thomas Leif).
(SWR und ARD, 45 min) – Helmut-Schmidt-Preis

Für wwf4ever.de stand er uns für ein Interview zu seinem neusten Dokumentarfilm zur dankender weise Verfügung.


wwf4ever: Danke Harold Woetzel, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen um ein wenig über Ihre Reportage „Die Käfigkämpfer“ zu reden. Aber zuerst einmal: Wie geht es Ihnen?

Harold Woetzel:
Es geht mir hervorragend, und ich freue mich auf die Preview am Samstag, dem 16.2. im CINEMAXX in Mannheim!


wwf4ever: Was hat Sie auf die Idee für diesen Film/Reportage gebracht?

Harold Woetzel:
Ich hatte im letzten Jahr eine Reportage über Mannheims älteste „Muckibude“ gemacht, dem „Sportstudio Jungbusch“, im Mannemer Kiez sozusagen (s.a. http://www.diemuckibude.de).
Dort fragte ich einen jungen Studenten (und nebenberuflichen Türsteher), wofür er trainiere. „Für den Käfig“, sagte er mir. Bis dahin hatte ich – wie die meisten Bundesbürger - noch nie von „Käfigkämpfen“ gehört; es stellte sich sofort die Assoziation „Hunde-Kämpfe“ oder „Hahnenkämpfe“ ein, und da wollte ich natürlich mehr wissen.


wwf4ever: Welche Erfahrungen haben Sie während der Dreharbeiten/Recherche gemacht und was nehmen Sie nachhaltig aus dieser mit?

Harold Woetzel:
Vor allem die Erfahrung, dass das, was ich in anderen Fernsehberichten mir daraufhin im Archiv angesehen habe (Politmagazinen usw.), überhaupt nicht der wirklichen Szene entspricht. Ich habe keine Straßenschläger getroffen, sondern Sportler, die mit außerordentlicherDisziplin trainieren und sich sowohl im Kampf als auch außerhalb mit großer Fairness verhalten. Und ich verstehe mittlerweile, warum man sich als junger Mann ausgerechnet im Käfig messen will. Es ist wirklich die ultimative Mutprobe, wie der Trainer des Heidelberger „Boxgymnasiums“, Tom Schneider mir im Interview sagte:
“Es gibt keine Herausforderungen heute mehr für Männer. Es gibt n’paar hübsche Mädels, Autos, schöne Klamotten - , aber das kann man sich alles kaufen. Die Jungs wollen einfach beweisen, dass sie was draufhaben.“
Und ich glaube übrigens auch, dass es für manchen der beste Weg ist, alte Ängste zu bewältigen.


wwf4ever: Viele Mixed Martial Arts (Free Fight) Fans und Athleten müssen sich immer wieder sagen lassen, dass dies nur eine brutale Show sei, ohne wirklichen sportlichen Sinn. Wie ist Ihre persönliche Ansicht dazu und hat sich diese eventuell gerade durch die Arbeit zu diesem Film geändert?

Harold Woetzel:
Die meisten, denen ich begegnet bin, sind echte Kampfsportler, die einfach die Beschränkungen der anderen Kampfsportarten überwinden wollen – nach dem Motto: je weniger Regeln, umso fairer und sportlicher der Kampf. Aber wir sollten uns hier nicht naiv geben: natürlich ist MMA eine gewalttätige Angelegenheit, natürlich geht es hier am härtesten zur Sache, und natürlich zieht es deshalb auch immer mehr Zuschauer (und eben auch Kämpfer) an. Wie mir der Promoter von „Cage Rage“ in Dublin sagte (wo wir den Kampf des jungen Philipp Schade vom GERMAN TOP TEAM aus Freudenstadt filmten):

“Wir alle wissen, dass Sex und Gewalt verkauft, deshalb besteht auch die meiste Werbung daraus. Das zieht die Menschen nun mal an, und das sollte man auch nicht verleugnen und jetzt so tun, als sei das ein Sport wie Kricket oder Schach.“

Aber das ist auch in Ordnung so – ich denke, wir sollten uns eher über die positiven Effekte einer derart kanalisierten und geregelten Aggressions-/Gewaltabfuhr unterhalten: darüber, was die vielen Buben heute machen, die stundenlang ihre Gemetzel-Computerspiele machen und dann voll von Adrenalin ins Klassenzimmer gehen. Oder die vielen jungen Männer, die nach einem 12stündigen Büro-Konkurrenzkampf keinen gesunden Stress-Abbau mehr haben und ihre Wut im Straßenverkehr, an ihren Hunden oder Frauen ablassen... Welche Perspektiven eröffnet da ein guter Freefight, heftiges Ground & Pound, schweißtreibendes Grappling usw.usf.!
Ich hatte nach meinen Recherchen und Dreharbeiten jedenfalls zu keiner Minute den Eindruck, dass einer der Freefighter auf der Straße oder in einem Lokal eine Schlägerei anzetteln würde.


wwf4ever: Über einen der Protagonisten, kurz genannt „Schnapper“, gibt’s leider kaum Informationen, aber dafür viele Spekulationen. Eines was man aber sicher weiß von ihm, ist, dass er an „Käfigkämpfen“ mit Stöcken teilgenommen haben soll. Hört bei so was nicht der Sport auf? Und ist das dann der richtige Protagonist, um den Ruf des Free Fights in Deutschland zu verbessern?

Harold Woetzel:
Schnapper ist einer der Kämpfer, für die der Begriff der „street credibility“ am besten zutrifft: er kommt von der Straße, ist mit Gewalt aufgewachsen und hat Gewalt überlebt. Irgendwann hat er daraus – zeitweilig – einen Beruf gemacht und in den USA gekämpft. Und das waren nicht immer UFC-Turniere, sondern auch Veranstaltungen mit anderen, verschärften Regeln – oder eben fast gar keinen. Und so gab es eben auch Kämpfe, bei denen in der Mitte des Käfigs ein Bambusstock lag – wer den als erster erwischte, der hatte Glück gehabt.... Die Regeln dafür hat nicht Schnapper erfunden, er war vielmehr deren Opfer.... - mittlerweile sind sie ja auch immer mehr vereinheitlicht auf der Welt. Aber so ist es eben: der Ursprung von MMA ist nicht so einheitlich, wie das heute aussieht. MMA hatte viele Väter: viele verschiedene Kampfsportarten, viele verschiedene Individuen - schillernde Figuren, Helden, die oft auch bemitleidenswerte Menschen waren (man denke nur an Mark Kerr, „The Smashing Machine“...).
Schnapper jedenfalls war ein verantwortungsvoller Trainer für seine Jungs, die lieben ihn, auch wenn er sie oft hart angefasst hat, und er weiß, wovon er redet.

Meine Absicht als Filmemacher war es ohnehin nicht, den Ruf des Freefight zu verbessern, sondern hinzuschauen und die Motive zu verstehen, was junge Männer heute dazu treibt, in den Käfig zu steigen. Und diese Motive haben mir eingeleuchtet – ich habe nirgends dumpfe Gewalttätigkeit oder Brutalität um der Brutalität willen als Motiv entdeckt.
Ohnehin ist jeder Mensch anders, jeder hat seine eigene Motivation. Man sollte gerade in so einem Sport, der „FREE Fight“ heißt, tolerant sein für die verschiedenen Lebenswege und Biographien seiner Protagonisten.


wwf4ever: Danke Harold Woetzel, dass Sie sich für uns die Zeit genommen haben. Gibt es eventuell noch etwas, das Sie den möglichen Zuschauern Ihres Films sagen wollen?

Harold Woetzel:
In einer Zeit, in der ein Magazin wie DER SPIEGEL einen Titel „Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt“ herausbringt, hätten die Freefighter die Chance, als Menschen zu beweisen, wie man über diesen Sport Werte fürs Leben lernt und auch seinem Umfeld vermittelt: Respekt vor dem Gegner, nicht zuschauen, wenn mehrere (Feiglinge) gegen einen Schwächeren vorgehen, Disziplin auch im eigenen Leben – kurz: das, was in manchen Kulturen der Begriff „Krieger“ noch heute bedeutet. Das fände ich fantastisch, und das wäre die größte Werbung für diesen Sport.
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Interview: Harald Woetzel - von Achse - 14.02.2008, 12:06
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