18.04.2009, 11:59
Teil 2: Gorgeous George - Siegeszug durch Komik
Mittlerweile hat das Wrestling zahlreiche Gimmicks durchlaufen. Von spannenden Momenten ist die Erkenntnis geblieben, dass man mit Entertainment aufsteigen oder abfallen kann. So schnell der eine kommt, so schnell verschwindet der andere wieder. Auch vor über 50 Jahren gab es bereits einige Wrestler, deren enorme Präsenz im Ring Massen von Menschen anzog. Als Ali Baba den schrecklichen Türken mimte, standen die Zuschauer vor Erregung Kopf. Es war im Prinzip möglich, durch einfache Tricks großes Aufsehen zu erwirken. Heute hält man das eventuell für einen schlechten Scherz, damals brachte es Unsummen ein. Der ziemlich behaarte Ali Baba hieß richtig Harry Ekisian. Irgendwann kam dann die sonderbare Wandlung zum bösen Türken. Er ließ sich eine Glatze schneiden und einen Schnurrbart wachsen. Zu guter Letzt setzte er den Fez auf und schlüpfte in einen alten Schlafrock. Auf die landesüblichen Stühle vermochte sich dieser Zeitgenosse nicht zu setzen. Stattdessen brachte er jedesmal seinen eigenen Türkensitz mit. So ließ sich der im wirklichen Leben arbeitende Matrose nieder und wartete auf die Gunst der Stunde.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Ali Baba.jpg]
Ali Baba
Ali Baba, einst US Navy Champion, kämpfte 1936 gegen World Heavyweight Champion Dick Shikat. Das erste Match der beiden in Detroit verfolgten 8.562 Zuschauer. Nach 46 Minuten besiegte Baba Shikat und wurde schließlich neuer World Champion. Das Problem war nur die fehlende Anerkennung. Die New York State Athletic Commission (NYSAC) verlangte ein Rematch im Big Apple. Am 05. Mai 1936 besiegte er im Madison Square Garden erneut Shikat. Ali Baba war nicht lange Champion, aufgrund der kontroversen Ereignisse dieses Jahres. Schon am 12. Juni verlor er gegen Dave Levin durch Disqualifikation. Baba wurde damals noch als Champion anerkannt. Im Sommer 1936 stand das Wrestling vor dem Problem, neun World Champions zu besitzen: Dave Levin (New York), Everett Marshall (Colorado), Dean Detton (Pennsylvania), Rudy Dusek (New Yersey), Yvon Robert (Massachuetts, Kanada), Leo Savage (Texas), Vincent Lopez (Kalifornien), Jack Sherry (England) und Wladek Zbyszko (Argentinien). Levin ernannte sich nach der Niederlage von Baba selbst zum Champion. Doch die NYSAC verweigerte die Anerkennung.
Das Auftreten von Ali Baba machte Schule und 20 Jahre später gab es eine Fülle solcher Figuren. Gorgeous George war schlechthin der unbestrittene König und Liebhaber der Frauen. Gerade bei ihm bemerkte man den aufkommenden Showfaktor, der in den 50er Jahren an Stärke zunahm. Noch wenige Jahre zuvor war dieser Wrestler so gut wie unbekannt. Durch sein Auftreten im Ring läutete er den Siegeszug ein. Immer wenn George in einer Halle erschien, stand davor das Schild "ausverkauft". Doch was war so anziehend? Es war die Mischung aus körperlicher Kraft und Komik. Eines Tages erschien George im Ring mit einer vielfarbigen Tunika. Vor dem Kampf brachte er das Publikum durch Scherze zum Lachen. Es folgten weitere Auftritte mit immer bizarreren Kostümen. 1952 erschien er als "chinesischer Kaiser" in Begleitung zweier Polizisten. Mit einem riesigen Parfümzerstäuber sprühte er die lachenden Leute in den ersten Reihen an. Ein amerikanischer Manager, der seinen Namen nicht nennen wollte, charakterisierte das so: "Wir müssen die Kämpfe ganz nach dem Publikumsgeschmack einrichten. Die Erwachsenen sind wie Kinder, sie wollen auch im Ringkampf einen Helden und einen Bösewicht sehen, zwischen welchen beiden sie dann ihre Liebe und ihren Hass verteilen." Nur gut das er seinen Namen nicht zum besten gab. Man sah es nämlich ungern, wenn jemand "Geheimnisse" ausplauderte.
George erreichte mit diesen Shows eine unglaubliche Popularität. Zeitweise verdiente er bis zu 2.000 Dollar monatlich. Damals ein enormes Gehalt. Während der anfänglichen Flaute im Ringkampfgeschäft war es George, dessen Erscheinen für die nötige Würze sorgte. Diese Auftritte brachten schnell Nachahmer hervor. In früheren Jahren waren die meisten dieser auffallenden Typen keine Ausländer. Als dann die Einreisebestimmungen gelockert wurden, kamen sie fast von alleine: The Angel, Ivan Linow oder Canadian Masked Marvel gehörten dazu. Der bärtige Riese Man Mountain Dean machte Amerikas Westküste unsicher. Der Franzose Manizio Tillat kommt als Gorilla verkleidet, getragen in einem Affenkäfig, zum Ring. Lord Leslie Charlton kommt mit Monokel und schwarzem Seidenmantel in die Halle, die er vor Beginn des Kampfes an seinen Diener weiter reicht. "Nature Boy" Buddy Rogers lässt sich seine reich bestickte Robe von einer hübschen Dame abnehmen. Der Japaner "The Great Togo" trägt einen Spitzbart und bringt bei nur 1.70m Körpergröße 215 Pfund auf die Waage. Jones, der Bauer, kommt nur zum Ring, wenn er am Gürtel ein kleines lebendes Schwein zu hängen hat. Roy Slive, der Wrestler mit dem akademischen Doktorgrad, erscheint stets im Professorengewand. Baron Michele Leone wird von seinen Gegnern mit Genuss an der 40cm langen Haarpracht gezogen. Einen ganzen Urwald trägt dagegen "Elephant Boy" auf dem Kopf. Eine Sklavin bringt den Elefanten zum Ring. "Mr. America" Gene Stanlee lässt seine Mähne vor jedem Match ondulieren. Stanlees Diener muss dann immer Gegner und Ringmatte mit Parfüm bestäuben. Das Publikum rastet aus, als ein Wrestler seinen Gegner mit der großen Nadel in gewisse Körperteile trifft. Publikum hat es gesehen, Ringrichter natürlich nicht. Riese Frank Sexton redet mit schwacher Stimme, die klingt wie ein Jugendlicher im Stimmbruch. Sexton litt als Kind an Diphtherie. Das waren die Spätfolgen dieser Erkrankung. Diese Liste ließe sich lange fortsetzen, doch sie wäre unvollständig, wenn nicht Amerikas Bösewicht Nr. 1, "die deutsche Bestie" Hans Schmidt, zur Geltung käme. Ein wesentlicher Grund für das Erscheinen ausländischer Wrestler waren die Talentsucher von New York Promoter Joe „Toots“ Mondt. Durch die ganze Welt zogen sie und brachten stets neue Gesichter nach Nordamerika. Im amerikanischen Nationalitäten-Schmelztiegel gingen deutsche Talente fast unter. Die einstigen Helden Hans Kämpfer und Fritz von Schacht zogen nicht mehr. Auch der Zenit eines Dick Shikat war längst verblasst. Als Shikat in Amerika landete, hatte er keinen Pfennig in der Tasche. Man bot ihm einen 18.000 Dollar Jahresvertrag an. Jedoch nur unter der Bedingung, dass er auf Verlangen verlieren müsse. Dem Entsetzen der Zuschauer folgte ein Ansturm auf die Kassen. Man konnte ihnen Geschichten auftischen, die sie für wahr hielten. Hans Schmidt hieß richtig Guy Larose und wurde in Kanada geboren. Boston-Promoter Paul Bowser hatte 1951 einen grandiosen Einfall: Er ließ Schmidt in eine Rolle schlüpfen, aus der Amerikas Bösewicht schlechthin kurz nach dem Krieg hervorging. Bowser meinte, dass Larose mit 1.93m und 110kg praktisch wie ein Deutscher aussah. Er nannte ihn schließlich Hans Schmidt.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Gorgeous George.jpg]
Gorgeous George
Schmidt verschlug es später nach Chicago. Damit war er automatisch in Kohlers Händen. Es schien so, als wenn man dem Nachkriegsdeutschland eins auswischen wollte. Die offizielle Biografie von Schmidt lässt das doch schwer vermuten: Geboren 1925 in München; Schulausbildung am dortigen Kaiser-Friedrich-Gymnasium mit Unterricht im Boxen, Hochsprung und Ringen; Vater war Direktor einer Kruppschen Rüstungsfabrik; während des Krieges erst Kradmelder; im Anschluss Bomberpilot und über Frankreich abgeschossen. Dieser Lebenslauf erwies sich als Zugnummer. Eines Tages erschien Schmidt im Fernsehen. Promoter Jim Barnett verpflichtete ihn darauf für Shows in Chicago und Umgebung. Aber schon bald war Schmidt landesweit anzutreffen. Barnett war mittlerweile an Kohlers Seite gerutscht. Dieser war mit allen Schlichen des Show-Business vertraut, Barnett hingegen noch jung und unerfahren. Er war früher beim Magazin „Wrestling As You Like It“ in Chicago tätig und rutschte nun auch ins Veranstaltergewerbe über. Dann kam plötzlich Hans Schmidt. Die Mischung aus Show und Sport brachte für Schmidt rund 100.000 Dollar Jahresgehalt. Seine Hintermänner verdienten etwa das Doppelte. Jede Woche ging das Spiel von vorne los. Die Zuschauer wollten stets eine Fortsetzung sehen. Schmidt geriet bei vielen in Ungnade, weil er den Hitler-Gruß zeigte. Man verkaufte ihn geschickt als Münchner Bestie mit finsterem Gesicht, Kurzhaarschnitt nach russischer Art und einer neuen Biografie reich mit Essenzen ausgestattet.
So schien das Publikum schon von alleine zu kommen. Die Rechnung ging auf: Als er im Fernsehen auch noch seine Parolen zum besten gab, kochte die amerikanische Volksseele. Wrestling ist ein Geschäft, dass nur durch Bösewichte überleben kann. Seinen dreckigen Kampfstil habe er erst in den Staaten erlernt. Jeder sei verrückt, der sportlich im Profigeschäft kämpfe. Schockiert beendete Fernseh-Sprecher Jack Brickhouse das Interview. Im Nachhinein konstatierte Brickhouse: Schmidt ist eine moralische Belastung seines Vaterlandes. Die Fans hatten genug gesehen und gehört. Beim nächsten Auftritt folgten bereits Beschimpfungen, Provokationen, laute Buh-Rufe und Anfeindungen. Sogar Flaschen kamen geflogen. Durch kleine Gestiken ließ sich das sensationsgierige Publikum aufstacheln. Sie hassten diesen "Deutschen" einfach. Schmidt hebt die Hand zum Hitler-Gruß. Sofort scharrt, brüllt und tobt das Umfeld.
Kohler und Barnett legten noch nach: Als Manager verstanden sie es geschickt, mit dem "gemeinsten aller Wrestler" Kasse zu machen. Korrespondent Manfred George berichtet: "Nach dem Kampf, wenn er seinen Gegner meistens zu einem stöhnenden Klumpen Fleisch gewürgt hat, erhebt Hans Schmidt, umbraust von wüsten Zurufen und beworfen mit Programmen, zusammengeknüllten Zeitungen, Wurstenden und Zigarettenstummeln, erneut die Hand zum Hitler-Gruß, misst seine Hörerschaft mit wilder Verachtung und verlässt den Ring." 1953 musste sich sogar das Bonner Außenministerium mit Hans Schmidt befassen. Einige Deutsch-Amerikaner wollten seine Herkunft genauer recherchieren. Sie fühlten sich durch Schmidts Diffamierungen beleidigt. Die Recherche war nicht sonderlich erfolgreich: Charlotte Emerson nahm Kontakt zum Bayrischen Ringerverband auf. Doch die Auskunft lautete, dass ein besagter Hans Schmidt in München und Umgebung unbekannt sei. Schmidt selbst schwieg eisern über seine wahre Identität.
Gorgeous George konnte im Kalifornien-Revier unter Promoter Johnny Doyle kräftig Kasse machen. Aber Ende der 50er Jahre war seine Zeit abgelaufen und neue Konkurrenten machten ihm das Geschäft streitig. Es gab jetzt vielmehr solcher Figuren, so dass eine Art Sättigung entstand. Man musste stets neue Sachen präsentieren, um nicht abzurutschen. 1962 beendete George seine Karriere. An Weihnachten 1963 erlitt er einen Herzinfarkt und starb im Alter von nur 48 Jahren. Zum Zeitpunkt seines Todes war George in tiefste Armut gefallen. Seine Freunde und ehemaligen Kollegen aus dem Ring spendeten ihm einen Grabstein.
1953 endet in Milwaukee die Ära Henry Tolle. In gut 50 Jahren Regie-Tätigkeit erlebten die Zuschauer allerlei Sensationen in Tolles "Absurditätenkabinett". Kämpfe in Teer, Schlamm, Eiern, Federn oder Fischen - damit machte Tolle vor 1950 die besten Geschäfte. Als Kassenschlager erwiesen sich auch Matches im Aquarium. Das Herumwälzen im Schlamm geriet dann allmählich außer Mode. Was anfangs noch zog, verschwand später in der Versenkung. Wenn Tolle den Ring freigab hieß es jetzt: Soldat Gorky gegen Japans "The Great Togo", Iwan Rasputin gegen Indianerhäuptling Don Adler oder Dr. Lee Grable gegen Baron Michele Leone. Rasputin reißt dem Don Adler beinahe die Skalplocke herunter. Für noble Fouls sorgt Lord Blears höchst persönlich. Tolle hatte sich hier scheinbar einen echten Lord aus England geholt. So zumindest wurde es dem Publikum propagiert. "Erlaubt ist, was gefällt!", nach diesem Motto erlebte die Wrestlingszene jahrzehntelang die Spanne zwischen Show und Sport. Die Emotionen kochten über, wenn der Ringrichter den Tiefschlag von Hans Schmidt absichtlich übersah. Auch hier in Milwaukee war Schmidt ein Kassenschlager. Als Tolle mit 71 Jahren das Zepter an seine Tochter Joan abgab, blieb den Fans in Milwaukee auch weiterhin nichts vorenthalten.
Ein anderes Phänomen setzte ebenfalls verstärkt nach dem Krieg ein. Viele Boxer wechselten ins Wrestling über. Dadurch wurde das ohnehin schon bunte Rahmenprogramm noch farbiger.
Mittlerweile hat das Wrestling zahlreiche Gimmicks durchlaufen. Von spannenden Momenten ist die Erkenntnis geblieben, dass man mit Entertainment aufsteigen oder abfallen kann. So schnell der eine kommt, so schnell verschwindet der andere wieder. Auch vor über 50 Jahren gab es bereits einige Wrestler, deren enorme Präsenz im Ring Massen von Menschen anzog. Als Ali Baba den schrecklichen Türken mimte, standen die Zuschauer vor Erregung Kopf. Es war im Prinzip möglich, durch einfache Tricks großes Aufsehen zu erwirken. Heute hält man das eventuell für einen schlechten Scherz, damals brachte es Unsummen ein. Der ziemlich behaarte Ali Baba hieß richtig Harry Ekisian. Irgendwann kam dann die sonderbare Wandlung zum bösen Türken. Er ließ sich eine Glatze schneiden und einen Schnurrbart wachsen. Zu guter Letzt setzte er den Fez auf und schlüpfte in einen alten Schlafrock. Auf die landesüblichen Stühle vermochte sich dieser Zeitgenosse nicht zu setzen. Stattdessen brachte er jedesmal seinen eigenen Türkensitz mit. So ließ sich der im wirklichen Leben arbeitende Matrose nieder und wartete auf die Gunst der Stunde.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Ali Baba.jpg]
Ali Baba
Ali Baba, einst US Navy Champion, kämpfte 1936 gegen World Heavyweight Champion Dick Shikat. Das erste Match der beiden in Detroit verfolgten 8.562 Zuschauer. Nach 46 Minuten besiegte Baba Shikat und wurde schließlich neuer World Champion. Das Problem war nur die fehlende Anerkennung. Die New York State Athletic Commission (NYSAC) verlangte ein Rematch im Big Apple. Am 05. Mai 1936 besiegte er im Madison Square Garden erneut Shikat. Ali Baba war nicht lange Champion, aufgrund der kontroversen Ereignisse dieses Jahres. Schon am 12. Juni verlor er gegen Dave Levin durch Disqualifikation. Baba wurde damals noch als Champion anerkannt. Im Sommer 1936 stand das Wrestling vor dem Problem, neun World Champions zu besitzen: Dave Levin (New York), Everett Marshall (Colorado), Dean Detton (Pennsylvania), Rudy Dusek (New Yersey), Yvon Robert (Massachuetts, Kanada), Leo Savage (Texas), Vincent Lopez (Kalifornien), Jack Sherry (England) und Wladek Zbyszko (Argentinien). Levin ernannte sich nach der Niederlage von Baba selbst zum Champion. Doch die NYSAC verweigerte die Anerkennung.
Das Auftreten von Ali Baba machte Schule und 20 Jahre später gab es eine Fülle solcher Figuren. Gorgeous George war schlechthin der unbestrittene König und Liebhaber der Frauen. Gerade bei ihm bemerkte man den aufkommenden Showfaktor, der in den 50er Jahren an Stärke zunahm. Noch wenige Jahre zuvor war dieser Wrestler so gut wie unbekannt. Durch sein Auftreten im Ring läutete er den Siegeszug ein. Immer wenn George in einer Halle erschien, stand davor das Schild "ausverkauft". Doch was war so anziehend? Es war die Mischung aus körperlicher Kraft und Komik. Eines Tages erschien George im Ring mit einer vielfarbigen Tunika. Vor dem Kampf brachte er das Publikum durch Scherze zum Lachen. Es folgten weitere Auftritte mit immer bizarreren Kostümen. 1952 erschien er als "chinesischer Kaiser" in Begleitung zweier Polizisten. Mit einem riesigen Parfümzerstäuber sprühte er die lachenden Leute in den ersten Reihen an. Ein amerikanischer Manager, der seinen Namen nicht nennen wollte, charakterisierte das so: "Wir müssen die Kämpfe ganz nach dem Publikumsgeschmack einrichten. Die Erwachsenen sind wie Kinder, sie wollen auch im Ringkampf einen Helden und einen Bösewicht sehen, zwischen welchen beiden sie dann ihre Liebe und ihren Hass verteilen." Nur gut das er seinen Namen nicht zum besten gab. Man sah es nämlich ungern, wenn jemand "Geheimnisse" ausplauderte.
George erreichte mit diesen Shows eine unglaubliche Popularität. Zeitweise verdiente er bis zu 2.000 Dollar monatlich. Damals ein enormes Gehalt. Während der anfänglichen Flaute im Ringkampfgeschäft war es George, dessen Erscheinen für die nötige Würze sorgte. Diese Auftritte brachten schnell Nachahmer hervor. In früheren Jahren waren die meisten dieser auffallenden Typen keine Ausländer. Als dann die Einreisebestimmungen gelockert wurden, kamen sie fast von alleine: The Angel, Ivan Linow oder Canadian Masked Marvel gehörten dazu. Der bärtige Riese Man Mountain Dean machte Amerikas Westküste unsicher. Der Franzose Manizio Tillat kommt als Gorilla verkleidet, getragen in einem Affenkäfig, zum Ring. Lord Leslie Charlton kommt mit Monokel und schwarzem Seidenmantel in die Halle, die er vor Beginn des Kampfes an seinen Diener weiter reicht. "Nature Boy" Buddy Rogers lässt sich seine reich bestickte Robe von einer hübschen Dame abnehmen. Der Japaner "The Great Togo" trägt einen Spitzbart und bringt bei nur 1.70m Körpergröße 215 Pfund auf die Waage. Jones, der Bauer, kommt nur zum Ring, wenn er am Gürtel ein kleines lebendes Schwein zu hängen hat. Roy Slive, der Wrestler mit dem akademischen Doktorgrad, erscheint stets im Professorengewand. Baron Michele Leone wird von seinen Gegnern mit Genuss an der 40cm langen Haarpracht gezogen. Einen ganzen Urwald trägt dagegen "Elephant Boy" auf dem Kopf. Eine Sklavin bringt den Elefanten zum Ring. "Mr. America" Gene Stanlee lässt seine Mähne vor jedem Match ondulieren. Stanlees Diener muss dann immer Gegner und Ringmatte mit Parfüm bestäuben. Das Publikum rastet aus, als ein Wrestler seinen Gegner mit der großen Nadel in gewisse Körperteile trifft. Publikum hat es gesehen, Ringrichter natürlich nicht. Riese Frank Sexton redet mit schwacher Stimme, die klingt wie ein Jugendlicher im Stimmbruch. Sexton litt als Kind an Diphtherie. Das waren die Spätfolgen dieser Erkrankung. Diese Liste ließe sich lange fortsetzen, doch sie wäre unvollständig, wenn nicht Amerikas Bösewicht Nr. 1, "die deutsche Bestie" Hans Schmidt, zur Geltung käme. Ein wesentlicher Grund für das Erscheinen ausländischer Wrestler waren die Talentsucher von New York Promoter Joe „Toots“ Mondt. Durch die ganze Welt zogen sie und brachten stets neue Gesichter nach Nordamerika. Im amerikanischen Nationalitäten-Schmelztiegel gingen deutsche Talente fast unter. Die einstigen Helden Hans Kämpfer und Fritz von Schacht zogen nicht mehr. Auch der Zenit eines Dick Shikat war längst verblasst. Als Shikat in Amerika landete, hatte er keinen Pfennig in der Tasche. Man bot ihm einen 18.000 Dollar Jahresvertrag an. Jedoch nur unter der Bedingung, dass er auf Verlangen verlieren müsse. Dem Entsetzen der Zuschauer folgte ein Ansturm auf die Kassen. Man konnte ihnen Geschichten auftischen, die sie für wahr hielten. Hans Schmidt hieß richtig Guy Larose und wurde in Kanada geboren. Boston-Promoter Paul Bowser hatte 1951 einen grandiosen Einfall: Er ließ Schmidt in eine Rolle schlüpfen, aus der Amerikas Bösewicht schlechthin kurz nach dem Krieg hervorging. Bowser meinte, dass Larose mit 1.93m und 110kg praktisch wie ein Deutscher aussah. Er nannte ihn schließlich Hans Schmidt.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Gorgeous George.jpg]
Gorgeous George
Schmidt verschlug es später nach Chicago. Damit war er automatisch in Kohlers Händen. Es schien so, als wenn man dem Nachkriegsdeutschland eins auswischen wollte. Die offizielle Biografie von Schmidt lässt das doch schwer vermuten: Geboren 1925 in München; Schulausbildung am dortigen Kaiser-Friedrich-Gymnasium mit Unterricht im Boxen, Hochsprung und Ringen; Vater war Direktor einer Kruppschen Rüstungsfabrik; während des Krieges erst Kradmelder; im Anschluss Bomberpilot und über Frankreich abgeschossen. Dieser Lebenslauf erwies sich als Zugnummer. Eines Tages erschien Schmidt im Fernsehen. Promoter Jim Barnett verpflichtete ihn darauf für Shows in Chicago und Umgebung. Aber schon bald war Schmidt landesweit anzutreffen. Barnett war mittlerweile an Kohlers Seite gerutscht. Dieser war mit allen Schlichen des Show-Business vertraut, Barnett hingegen noch jung und unerfahren. Er war früher beim Magazin „Wrestling As You Like It“ in Chicago tätig und rutschte nun auch ins Veranstaltergewerbe über. Dann kam plötzlich Hans Schmidt. Die Mischung aus Show und Sport brachte für Schmidt rund 100.000 Dollar Jahresgehalt. Seine Hintermänner verdienten etwa das Doppelte. Jede Woche ging das Spiel von vorne los. Die Zuschauer wollten stets eine Fortsetzung sehen. Schmidt geriet bei vielen in Ungnade, weil er den Hitler-Gruß zeigte. Man verkaufte ihn geschickt als Münchner Bestie mit finsterem Gesicht, Kurzhaarschnitt nach russischer Art und einer neuen Biografie reich mit Essenzen ausgestattet.
So schien das Publikum schon von alleine zu kommen. Die Rechnung ging auf: Als er im Fernsehen auch noch seine Parolen zum besten gab, kochte die amerikanische Volksseele. Wrestling ist ein Geschäft, dass nur durch Bösewichte überleben kann. Seinen dreckigen Kampfstil habe er erst in den Staaten erlernt. Jeder sei verrückt, der sportlich im Profigeschäft kämpfe. Schockiert beendete Fernseh-Sprecher Jack Brickhouse das Interview. Im Nachhinein konstatierte Brickhouse: Schmidt ist eine moralische Belastung seines Vaterlandes. Die Fans hatten genug gesehen und gehört. Beim nächsten Auftritt folgten bereits Beschimpfungen, Provokationen, laute Buh-Rufe und Anfeindungen. Sogar Flaschen kamen geflogen. Durch kleine Gestiken ließ sich das sensationsgierige Publikum aufstacheln. Sie hassten diesen "Deutschen" einfach. Schmidt hebt die Hand zum Hitler-Gruß. Sofort scharrt, brüllt und tobt das Umfeld.
Kohler und Barnett legten noch nach: Als Manager verstanden sie es geschickt, mit dem "gemeinsten aller Wrestler" Kasse zu machen. Korrespondent Manfred George berichtet: "Nach dem Kampf, wenn er seinen Gegner meistens zu einem stöhnenden Klumpen Fleisch gewürgt hat, erhebt Hans Schmidt, umbraust von wüsten Zurufen und beworfen mit Programmen, zusammengeknüllten Zeitungen, Wurstenden und Zigarettenstummeln, erneut die Hand zum Hitler-Gruß, misst seine Hörerschaft mit wilder Verachtung und verlässt den Ring." 1953 musste sich sogar das Bonner Außenministerium mit Hans Schmidt befassen. Einige Deutsch-Amerikaner wollten seine Herkunft genauer recherchieren. Sie fühlten sich durch Schmidts Diffamierungen beleidigt. Die Recherche war nicht sonderlich erfolgreich: Charlotte Emerson nahm Kontakt zum Bayrischen Ringerverband auf. Doch die Auskunft lautete, dass ein besagter Hans Schmidt in München und Umgebung unbekannt sei. Schmidt selbst schwieg eisern über seine wahre Identität.
Gorgeous George konnte im Kalifornien-Revier unter Promoter Johnny Doyle kräftig Kasse machen. Aber Ende der 50er Jahre war seine Zeit abgelaufen und neue Konkurrenten machten ihm das Geschäft streitig. Es gab jetzt vielmehr solcher Figuren, so dass eine Art Sättigung entstand. Man musste stets neue Sachen präsentieren, um nicht abzurutschen. 1962 beendete George seine Karriere. An Weihnachten 1963 erlitt er einen Herzinfarkt und starb im Alter von nur 48 Jahren. Zum Zeitpunkt seines Todes war George in tiefste Armut gefallen. Seine Freunde und ehemaligen Kollegen aus dem Ring spendeten ihm einen Grabstein.
1953 endet in Milwaukee die Ära Henry Tolle. In gut 50 Jahren Regie-Tätigkeit erlebten die Zuschauer allerlei Sensationen in Tolles "Absurditätenkabinett". Kämpfe in Teer, Schlamm, Eiern, Federn oder Fischen - damit machte Tolle vor 1950 die besten Geschäfte. Als Kassenschlager erwiesen sich auch Matches im Aquarium. Das Herumwälzen im Schlamm geriet dann allmählich außer Mode. Was anfangs noch zog, verschwand später in der Versenkung. Wenn Tolle den Ring freigab hieß es jetzt: Soldat Gorky gegen Japans "The Great Togo", Iwan Rasputin gegen Indianerhäuptling Don Adler oder Dr. Lee Grable gegen Baron Michele Leone. Rasputin reißt dem Don Adler beinahe die Skalplocke herunter. Für noble Fouls sorgt Lord Blears höchst persönlich. Tolle hatte sich hier scheinbar einen echten Lord aus England geholt. So zumindest wurde es dem Publikum propagiert. "Erlaubt ist, was gefällt!", nach diesem Motto erlebte die Wrestlingszene jahrzehntelang die Spanne zwischen Show und Sport. Die Emotionen kochten über, wenn der Ringrichter den Tiefschlag von Hans Schmidt absichtlich übersah. Auch hier in Milwaukee war Schmidt ein Kassenschlager. Als Tolle mit 71 Jahren das Zepter an seine Tochter Joan abgab, blieb den Fans in Milwaukee auch weiterhin nichts vorenthalten.
Ein anderes Phänomen setzte ebenfalls verstärkt nach dem Krieg ein. Viele Boxer wechselten ins Wrestling über. Dadurch wurde das ohnehin schon bunte Rahmenprogramm noch farbiger.
