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Emil Naucke - Ein Leben für das Varieté
#2
Kraftakrobaten und Ringer der Schaubuden wie Naucke, stellten die ersten geeigneten Lehrkräfte. Sie gründeten in Arbeiterkreisen Klubs. Dabei wurden die Schüler als Ergänzung des Ringerpersonals benutzt. Das Naucke auch als Parodist erfolgreich war, bewiesen die ganzen komischen Rollen und Sketche in denen er auftrat. Zu den bekanntesten zählte die "Pauline vom Ballett". Als Rolle einer Tänzerin schlüpfte der "dicke Naucke" in ein Ballerina Kostüm. Durch die enorme Leibesfülle erschien das fast schon grotesk. Die Zuschauer lachten sich dabei halb kaputt. So auch in anderen Parodien, die sogar eigens für ihn geschrieben wurden. Auch das war Naucke - witzig und für jeden Scherz zu haben. Die "Pauline vom Ballett" ist bis heute in Schaustellerkreisen Hamburgs bekannt. Der Schriftsteller Hermann Waldemar Otto schrieb 1895: "Um die vollständige Beweglichkeit des massigen Körpers im besten Lichte zu zeigen, erscheint der Artist schließlich unter Beifallstoben der Menge als "Tänzerin Pauline" und imitiert im kurzen, abstehenden Röckchen mit süßlicher Miene und erstaunlicher Elastizität alle Künste einer geschulten Balleteuse, Leistungen, denen nur in echten Volkstheatern volles Verständnis entgegengebracht wird." Nauckes häufigster Partner bei dieser artistischen Nummer war ein Zwerg-Gesangskomiker namens Peter Hansen. Er war nur 98cm groß und wog lediglich 43 Pfund. Dem Publikum genügte aber schon der erstaunliche Kontrast. Kolossalmensch und Zwerg - besser ließ sich offenbar kein Geld verdienen. Naucke betrieb inzwischen ein florierendes Ensemble, wo Hansen Mitglied war. Beide gingen oft auf Tournee.

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Während seine Tourneen über die Jahre hinweg Erfolge erzielten, wurde Hamburg 1890 Nauckes Wahlheimat. Das Konzept ging auf, man musste eine bunte Show aus Akrobatik und Athletik abliefern. Nur Ringkämpfe hätten da kaum etwas gebracht. Anfangs war Naucke nur selten in Hamburg anzutreffen. Dass lag größtenteils an den etlichen Tourneen in Deutschland. Sie machten ihn zum "stärksten Mann der Welt", was man damals ja bekanntlich von vielen Kraftathleten hörte. Aber das Gewicht wurde für Naucke mittlerweile zum großen Problem. Die Ausübung der Ringkämpfe schien immer schwieriger zu werden. 1893 mit 38 Jahren gab er das Ringen auf und wandte sich gänzlich dem Varieté zu. Zu dieser Zeit wog Naucke 235kg. Die Karriere als Ringer ist an seinen Ausmaßen gescheitert. Durch die Zeit im Varieté sollte er aber umso bekannter in Hamburg werden. Am Spielbudenplatz Nr. 23/24 eröffnete er 1896 "Naucke´s Varieté". Hier trafen sich Artisten, Ringer und Akrobaten der Zeit. An gleicher Stelle befand sich vorher "Awe´s Concert - Saal" - eine beliebte Vergnügungsstätte in ganz St. Pauli. Oft traf man hier auf die feine Gesellschaft Hamburgs. Naucke kaufte das Arial und wurde zum Star seines eigenen Etablissements.

Zwischen dem "fahrenden und stehenden Gewerbe" gab es im Ringkampf auch bittere Rivalitäten. So sahen es viele Ringer nicht gerne, dass gerade ihr Betätigungsfeld nur noch in der Schaubudenszene sein Dasein fristete. Es entstand eine regelrechte Spaltung zwischen den Ringern der Schaubuden, und den Athleten die sich Berufsringer nannten. Die die Kampftechniken in den Kraftsportvereinen erlernten und so der Meinung waren, eher für den Beruf des Ringers prädestiniert zu sein. Das ließ man aber auf den Rummelplätzen nicht auf sich sitzen. Die starken Männer hier wollten ebenfalls als "Berufsathleten" gelten. Wenn mitunter auch heftige Streiterein und Anschuldigungen auftauchten, hatten letztendlich die Ringer der Kraftsportvereine offenbar den längeren Hebel in der Hand. Nach ihrer Meinung waren gerade die Ringer der Schaubuden für Clownsspäße, Rohheiten, Unsitten und sonstige Auswüchse im Ringkampf verantwortlich. Dazu zählte im Übrigen auch die Beilegung falscher Namen oder das Tragen einer Maske. Im gesamten Maßstab war tatsächlich ein Abfallen des Ringkampfinteresses durch solche "Missstände" zu verzeichnen. Das war deshalb einer der Hauptgründe, warum eine große Zahl von Ringern 1911 den "Internationalen - Ringer - Verband (IRV)" gründete.

Auch wenn sie versuchten diese sog. Auswüchse im fahrenden Gewerbe zu bekämpfen, war die Schaubudenszene trotzdem ein ständiger Wegbegleiter. Sie kursierte sozusagen im Untergrund, während in den Varietétheatern die richtigen Ringkampf-Konkurrenzen durchstarteten. Es kam dann zu einer Reform der Berufsringkämpfe, die hauptsächlich von solchen Leuten wie Heinrich Weber oder Carl Jänecke eingeläutet wurde. Der IRV bekämpfte vor allem die Ringkämpfe mit Personen aus dem Publikum. Man nahm die Ringerturniere genau unter die Lupe. Da war die Rede von "Säuberung in den eigenen Reihen von allen unmoralischen Elementen". Man schlug den Polizeiverwaltungen vor, Ring - und Boxkämpfe auf Rummelplätzen zu verbieten. Die richtige Profiszene sei nur durch den IRV respektabel vertreten. Die Teilnehmer der Ringkampf-Konkurrenzen wurden ständigen Kontrollen unterzogen. Ein Verhaltenskodex folgte. Den Mitgliedern wurde auferlegt sämtlichen Unfug bei Ringkampf-Konkurrenzen der Verbandsleitung mitzuteilen. Da es insbesondere bei den Kämpfen der Schaubudenszene zu tödlichen Verletzungen kam, war dem IRV besonders hier ein Verbot wichtig. Die Vielzahl der Probleme schoben die Menschen in Richtung der Verbände. Dazu gehörten ebenfalls die Scheinringkämpfe. Die reagierten mit den entsprechenden Maßnahmen. Es gab bald kein großes Turnier mehr in Deutschland, dass nicht vom IRV überwacht wurde.

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Carl Abs

"Hochverehrtes Publikum - Bestaunen Sie den weltberühmten Kolossalmenschen und Kraftakrobaten Emil Naucke." So ertönte es wenn Naucke auf Tournee ging. Nauckes Varieté am Spielbudenplatz in Hamburg war die Sensation überhaupt. Vielfältige Kunststücke von den unterschiedlichsten Artisten und Akrobaten wurden hier aufgeführt. Die Karriere hätte eigentlich so weitergehen können, aber der Körper wollte nicht mehr. Der Tod kam plötzlich und aus heiterem Himmel am 24.01.1900 im Hamburger Etablissement "Sagebiel". Naucke trat als Radartist auf. Nur wenige Minuten nach Ende der Veranstaltung brach er durch einen Herzinfarkt tot zusammen. Er starb mit 44 Jahren. Tage später glich der Spielbudenplatz einer Ansammlung von Menschenmassen, die dem "dicken Naucke" das letzte Geleit gaben. Tausende Menschen folgten dem Trauerzug, der von seinem Varieté bis zum riesigen Zentralfriedhof Hamburg-Ohlsdorf führte. Mit Nauckes Lebensweg schließt sich eine Geschichte aus den frühen Zeiten der Ringer - und Schaustellerszene. Auch wenn er so berühmte Vorgänger wie Johann Carl von Eckenberg, Karl Rappo oder Theodor Defet hatte, blieb Emil Naucke noch lange ein Begriff - vor allem wegen seiner kugeligen Leibesform. Da Nauckes Erscheinung auf viele Zuschauer komisch wirkte, machte bald der Volksmund von sich reden. Dicke Kugeln oder Menschen nannte man in Hamburg bis weit ins 20.Jh. hinein einen "Naucke". In Berlin kannte man ihn als den "Naucke mit der Pauke". So also lebte dieser Kolossalmensch des 19.Jh. in den Köpfen weiter - und mancher kennt ihn noch heute.
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[Kein Betreff] - von The Crusher - 24.04.2009, 12:53
[Kein Betreff] - von The Crusher - 05.05.2009, 14:48
[Kein Betreff] - von Blubb - 05.05.2009, 17:19
[Kein Betreff] - von The Crusher - 05.05.2009, 18:44
[Kein Betreff] - von Double F - 20.03.2010, 01:30
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 02.05.2010, 13:20

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