Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Die großen Catcher-Skandale
#6
Es sind fast alle Teile fertig. Da ich am 2. Teil (Rux gegen Zurth) noch schreibe, schiebe ich den dritten mal vor.

Teil 3 - Schurl gegen Robertson

"Ringerskandal des Jahres", schrieb eine Wiener Zeitung 1963. Drei Polizeiwagen rasten zum Café "Münzamt", wo es angeblich eine heftige Schlägerei gab. Am Boden lag der verletzte Kanadier Freddy Robertson. Zwischen Tisch und Sessel liegend musste er ins Krankenhaus gebracht werden. Mit insgesamt acht Klammern wurde die Stirnwunde behandelt. Gleichzeitig erstaunt wie fassungslos war man, als Robertson die Schuldigen nannte. Natürlich sei er selbst nicht schuldig. So hätten ihn Georg Blemenschütz, dessen Frau und Ringrichter Marko mit Sessel und Aschenbecher attackiert. Ausgerechnet unser "Schurl" Blemenschütz dachten da viele Catch-Freunde. Schurl war der Ringerheros vom Wiener Heumarkt. Als Catcher und Veranstalter baute er die "Knochenmühle" zum Schauplatz großer Turniere auf. Das ist nur ein Spitzname, den die Zeitungen für die Heumarkt-Veranstaltungen fanden. Wie Hannover so entwickelte sich auch Wien, seit den späten 40er Jahren, zur Catch-Hochburg. Tausende Menschen sahen die teils wochenlangen Sommerturniere. Wien - die Stadt der starken Männer - beherbergte schon vor den Catchern kräftige und weit bekannte Männer. Josef Steinbach, Rudolf Benold, Franz Mileder, Georg Jagendorfer, Josef Grafl, Karl Swoboda oder der Mann mit der Eisenkraft, Wilhelm Türk, bildeten eine lange Reihe von Kraftakrobaten, Berufsringern und Schaustellern, die in Wien ihren Erfolg suchten.

Schurl hingegen kämpfte zwar später, seine Bekanntheit hatte aber die seiner Vorgänger mitunter sogar übertroffen. Jetzt sah sich der beliebte Schurl mit einer Strafanzeige wegen schwerer Körperverletzung konfrontiert. Sein Kritiker Robertson, ein kräftiger Herr aus Kanada, erstattete Strafanzeige gegen Schurl, dessen Frau und Ringrichter Marko. Hinter den Kulissen brodelte es bereits zwischen Robertson und seinem bisherigen Arbeitgeber Schurl Blemenschütz. Vor dieser Prügelei war Robertson Catcher eines Heumarkt-Turniers. Schurl war Matchmaker und kämpfte gerade vor den begeisterten Fans. In der Ringergarderobe der Heumarktarena tuschelte während dessen Robertson herum: "Was der Alte heute wieder aufführt!", nahm jemand zum Anlass, ihn bei Schurl zu verpfeifen. Blemenschütz hatte genug gehört und kündigte kurzerhand den Saisonvertrag mit Robertson. Der Querulant im Catcherlager protestierte aber lauthals. Es kam zum Wortgefecht: Robertson bestand auf Vertragserfüllung, da er für die gesamte Saison abgeschlossen wurde. Er forderte sogar einen Titelkampf, da er besser sei als der bisherige Champion Blemenschütz. Schurl riss sich den Gürtel vom Leib und schrie: "Soll das heißen, dass ich nicht ringen kann?" Er solle sich nicht so aufregen und stattdessen die Herausforderung draußen im Ring ankündigen, forderte Robertson. Doch die Veranstaltungsleitung fand einen Grund um ihn loszuwerden.

Demnach sei Robertson des Diebstahls in der Garderobe überführt worden. Auf eine Anzeige wolle man aber verzichten, wenn er sofort aus Wien verschwindet. Man bot ihm 15.000 Schilling als Abfindung an. Robertson ließ sich jedoch nicht so leicht abwimmeln. Er schaltete seinen Anwalt ein und erstattete Anzeige wegen Erpressung. Die Volksseele zwischen Schurl und Robertson kochte. Nun kam die besagte Prügelei im Café Münzamt. Blemenschütz sei um Mitternacht gekommen und habe ihn dann ohne Grund attackiert, gab Robertson zu Protokoll. Dabei sei er noch tatkräftig durch seine Frau und Ringrichter Marko unterstützt worden. Vor dem Eintreffen der Polizei waren die Beschuldigten in Richtung Stadtpark gelaufen. An diesem Abend konnten sie nicht mehr gestellt werden. Es begann aber eine Welle von Anzeigen, Vorwürfen und Gerichtsverfahren.

Das Wiener Strafbezirksgericht unter Dr. Peter Jann verhandelte den Fall bis 1964. Zur Erpressungsanzeige kam nun die Anzeige wegen schwerer Körperverletzung. Die Geschehnisse wurden durch Robertsons Aussagen zu einseitig gewertet. Wiener Zeitungen schrieben von einer "üblen Affäre" und "blutigen Überfall". Übertreibungen, die durch Robertsons Aussagen noch weiter hoch kochten: "Der Schurl will mich nur loswerden, weil er Angst hat, ich könnte ihn in einem echten Ringkampf, der nicht gestellt ist, besiegen." Robertson behauptete ferner, dass Blemenschütz als Ringer in besonderer Position, Kollegen angreift und kampfunfähig macht. Schurl sah sich durch übertriebene Presseberichte in seiner Ehre verletzt, und schaltete ebenfalls einen Anwalt ein. Im Spätsommer 1963 landeten die ersten Anzeigen bei Gericht. Das Gericht musste nun einerseits die Klagen verhandeln, und andererseits die Kämpfe am Wiener Heumarkt auf ihre "Echtheit" hin überprüfen. Für viele Zeitungen waren Catch-Turniere sowieso nur Scheinringkämpfe. Die allseits bekannte Diskussion um Schiebungen und Absprachen erreichte also auch Österreich.

Im Dezember 1963 schließlich kam eine erste Verhandlung vor dem Wiener Strafbezirksgericht. Die Klägerseite (Blemenschütz) warf einem Wiener Wochenblatt Vortäuschung falscher Tatsachen vor. Die Beklagten nannten eine lange Liste von ehemaligen Catchern, die die Echtheit dieser Turniere anzweifeln sollten. Der Anwalt von Schurl präsentierte ebenfalls eine Liste von aktiven Catchern, die ihr Metier als reell schriftlich bestätigten. Die Überprüfung der behaupteten Echtheit stellte die Justiz jedoch vor ein Problem. Es gab dafür keinen vorgefertigten Gesetzestext, auch Sachverständige fehlten. Ein erster Augenscheintermin brachte kein Ergebnis. Das Gericht setzte einen zweiten Termin fest. Am Ende aber blieb offen, wie denn nun genau das Treiben auf dem Heumarkt zu bewerten sei. Durch Zeugenaussagen wurde die Anwesenheit von Blemenschütz im Café bestätigt. Gegen Zahlung einer Geldbuße stellte man das Verfahren ein. Die schwere Körperverletzung konnte Robertson nicht nachweisen. Für die Heumarkt-Fans indessen war es ein witziger Anblick, wie Sachverständige und Ordnungsbeamte die Echtheit überprüfen wollten. Sie gingen dennoch zu den Turnieren, die trotz dieser Vorwürfe Tausende Menschen anlockten.

Die Wiener Catch-Szene verzeichnete Mitte der 50er Jahre einen Zuschauerrückgang. Erst der deutsche Veranstalter Gustl Kaiser brachte das Catchen am Heumarkt wieder nach oben. Mit dem "Preis der Nationen" (1955) und dem "Großen Preis von Österreich" (1956), gelang Kaiser der Durchbruch in Wien. Blemenschütz führte ab 1957 die Geschäfte weiter. Kaiser, 1907 in Rehau (Oberfranken) geboren, verdrängte beinahe die gesamte Konkurrenz im mitteleuropäischen Raum. Nach den ersten hektischen Jahren, blieb Kaiser bis Mitte der 70er Jahre, der erfolgreichste Veranstalter von "Internationalen Berufsringkampf Turnieren". Rund 12 Millionen Menschen besuchten die IBV-Turniere im Zeitraum von 1946 bis 1976. Kaiser veranstaltete zwar selbst "Catcher-Turniere", nannte seine Ringer aber lieber "Freistil-Berufsringkämpfer". Die Turniere wurden nach den Richtlinien des IBV durchgeführt. Eine Abgrenzung zu anderen Veranstaltern war so unumgänglich. Gustl Kaiser starb 1989.
Zitieren


Nachrichten in diesem Thema
Die großen Catcher-Skandale - von The Crusher - 15.07.2009, 20:00
[Kein Betreff] - von Mephisto - 15.07.2009, 20:12
[Kein Betreff] - von The Crusher - 15.07.2009, 20:25
[Kein Betreff] - von Mephisto - 15.07.2009, 20:34
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 16.07.2009, 17:19
[Kein Betreff] - von The Crusher - 30.07.2009, 10:05
[Kein Betreff] - von Mephisto - 30.07.2009, 13:16
[Kein Betreff] - von The Crusher - 31.07.2009, 14:50
[Kein Betreff] - von The Crusher - 04.08.2009, 18:34
[Kein Betreff] - von Pantaleon Manlapig - 04.08.2009, 22:50
[Kein Betreff] - von The Crusher - 29.08.2009, 18:27
[Kein Betreff] - von Mephisto - 29.08.2009, 18:40
[Kein Betreff] - von Pantaleon Manlapig - 31.08.2009, 22:03
[Kein Betreff] - von Mephisto - 01.09.2009, 14:58
[Kein Betreff] - von The Crusher - 01.09.2009, 15:45
[Kein Betreff] - von Mephisto - 01.09.2009, 15:53
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 01.09.2009, 18:51
[Kein Betreff] - von Cay Fabian - 03.09.2009, 01:56
[Kein Betreff] - von The Crusher - 08.11.2009, 20:15
[Kein Betreff] - von The Crusher - 19.11.2009, 17:28
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 19.11.2009, 20:25
[Kein Betreff] - von The Crusher - 08.01.2010, 12:20
[Kein Betreff] - von Mephisto - 08.01.2010, 15:54
[Kein Betreff] - von Sawyer - 08.01.2010, 16:02
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 08.01.2010, 20:34
[Kein Betreff] - von Mephisto - 08.01.2010, 20:36
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 08.01.2010, 20:42

Möglicherweise verwandte Themen…
Thema Verfasser Antworten Ansichten Letzter Beitrag
  Bitte um HILFE, wer kennt diese Wrestler/Catcher/Ringer der 50er Jahre ua.? Bogibear 7 4.661 24.02.2015, 15:35
Letzter Beitrag: The Crusher
  Giganten im Wrestling - Eine Geschichte von großen und kleinen Giganten The Crusher 19 11.695 30.06.2011, 21:12
Letzter Beitrag: The Crusher
  Statistik: Erfolgreichste deutsche Wrestler/Catcher 1900-82 The Crusher 4 9.079 13.01.2011, 23:49
Letzter Beitrag: Blubb

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste