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Die großen Catcher-Skandale
#9
Der 2. Teil wird noch etwas auf sich warten lassen.

Teil 4 - Skandal um Mr. Oddjob

Die Ringkampftumulte der 50er Jahre waren längst vergessen. Das 1953 vom Verwaltungsgericht Bremen erlassene Jugendverbot galt noch partiell bis 1985. Einen größeren Catcher-Skandal erlebten 1965 Heidelberg und Zweibrücken. Schillernde Hauptfigur darin war Harold Sakata, den Fans wohl besser bekannt als "Tosh Togo" oder "Mr. Oddjob" aus dem James Bond-Klassiker "Goldfinger". Ein Programmhinweis von 1965 titelte "Oddgob Togo". Rund 1300 Menschen strömten am Abend des 08.06.1965 in die Heidelberger Stadthalle. Auf dem Programm stand eine im Vorfeld groß angekündigte Catch-Veranstaltung der Pariser Agentur "Ghenassia-Sellet". Man habe den weltberühmten Catcher Harold Sakata für eine Tournee durch Deutschland verpflichten können. Nach Heidelberg kamen an diesem Abend noch Edy Wiecz, Frank Valois, Ludwig Straub, Daniel Nocet, Francis Louis, Pat O'Connor, Cheri Bibi und Pierre Bernart. Aus Sicht einiger Zuschauer verlief die ganze Show von Anfang an merkwürdig. Das Match Valois-Wiecz überzeugte immerhin am meisten. Die Hauptattraktion des Abends, Mr. Oddjob, bekamen die Fans jedoch nicht zu Gesicht. Wie auch, da Sakata für den IBV (Internationaler Berufsringkämpfer Verband Hamburg) - Veranstalter Gustl Kaiser zur gleichen Zeit in Krefeld kämpfte. Der Ringsprecher verkündete kurz vor dem 3. Kampf, Sakata sei irgendwo in Frankreich verunglückt und könne deshalb nicht antreten. Daraufhin riefen 1300 Heidelberger: "Schiebung" und "Geld retour". Ein Pfeifkonzert ertönte in der Stadthalle - und nun lief die Maschinerie an. Zeitungen titelten: "Goldfinger-Killer Oddgob catchte in Krefeld - Heidelbergs Freistil Fans wurden getäuscht - Hauptakteur bei einem anderen Veranstalter unter Vertrag", "Skandal bei den Catchern - Betrug mit dem Star Odd Job" oder "Heidelbergs Catch-Freunde hereingelegt."

Bereits seit dem 26. Mai hingen in Heidelberg viel versprechende Plakate, wonach Sakata gegen Edy Wiecz kämpfen sollte. Auch eine Autogrammstunde wurde versprochen. Hintermänner dieser vermeintlich großen Veranstaltung waren die franz. Manager Ghenassia und Sellet. Eine Freiburger Werbefirma war noch involviert. Nach Aussage des Werbezettels sei Sakata am 08. Juni um 17.00 Uhr exklusiv für Club-Mitglieder in der "Galerie-T" zur Autogrammstunde anwesend. Um 23.00 Uhr sei Sakata im "Sole D'oro" für weitere Autogramme. Presse und Fans warteten allerdings vergebens. Um 18.00 Uhr erschien dann plötzlich Ghenassia vor der versammelten Menge und sagte: "Er ist eben mit einem Flugzeug aus Paris in Basel gelandet. Unser Wagen wird ihn gerade rechtzeitig zu seinem Auftritt herbringen". Man müsse aber die geplante Autogrammstunde absagen. Verständlich, dass die Gesichter bei den Fans lang waren. Die Enttäuschungen gingen aber später weiter. Die Stadthalle ist eigentlich nur voll geworden, weil alle ihren Mr. Oddjob sehen wollten. Den kleinen unscheinbaren Zettel an der Abendkasse mit dem wörtlichen Hinweis: "Togo leider verunglückt ersäzt leider durch den Ex-Weltmeister der Riese Frank Vallois", bemerkte offenbar keiner. Ghenassia murmelte in gebrochenem Deutsch: "Togo wurde verunglückt". Noch hielt man sich seitens der Zuschauer bedeckt und schenkte dem keine Beachtung. Die Emotionen kochten erst über - wie bereits erwähnt - als Sakata nicht erschien. Im Publikum saß ein Freund von IBV-Veranstalter Gustl Kaiser namens Hans von Jankowski (IBV-Kampfleiter). Der IBV hatte Jankowski nach dieser Show entsendet, um die franz. Veranstalter Ghenassia und Sellet genauer zu beobachten. Jankowski nahm die Catcher und den Verlauf genauestes unter die Lupe. Am nächsten Tag schrieb er einen Brief an Gustl Kaiser nach Krefeld, in dem er die Show ausführlich skizzierte.

[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/98226fb149jpg.jpg]
Harold Sakata, genannt "Tosh Togo" oder "Mr. Oddjob", brachte den späteren Nationalhelden von Japan Rikidozan 1951 ins Wrestling. Sakata war zusammen mit Hawaii Promoter Alexander Karasick, einer der wichtigsten Hintermänner zu Beginn der Rikidozan Ära in Japan.

Jankowski hatte demnach schon früh Unregelmäßigkeiten festgestellt. Er schrieb: "Ich ließ mich dann von dem Clubmanager in die Stadthalle fahren und machte mich bekannt. Es sind Franzosen, Ghenassia und Sellet. Sie bauten gerade den Kampfring, besser gesagt die Ringseile auf der Bühne auf. Kurzes vortastendes Gespräch und dann die Feststellung, daß Oddjob doch nicht kommt. Man bedauert, daß man von meiner Anwesenheit nichts gewußt hat, denn man hätte doch ganz gerne mich, als Heidelberger, mit verpflichten können. [...] Die Erwartung war hoch geschraubt. Alles wollte Oddjob sehen. Der Kampfring (flach) auf der Bühne war schlecht ausgeleuchtet. Die Ringseile hingen schlaff zwischen den Pfosten. Die Umwicklung der Seile hing zum Teil herunter. Ein mieser Anblick. Keine Musik, keine Parade. Schlechte Ansage und Bekanntgabe der Namen."

Die Manager versuchten Sakatas Fehlen herunterzuspielen. Doch der Skandal weitete sich aus, da Gustl Kaiser von dem Treiben in Heidelberg durch Jankowskis Brief erfuhr. Was war aus Sakata geworden? Er stand schon seit dem 03. Juni unter Vertrag bei Kaiser. Dieser setzte ihn für den Krefelder "Preis der Nationen" ein. Am 08.06.1965, also da wo Sakata in Heidelberg hätte kämpfen sollen, bestritt er in der Krefelder Rheinlandhalle einen Kampf gegen Europameister Horst Hoffmann. Kaiser verpflichtete Sakata dann ab dem 11. Juni für die "Europameisterschaft 1965" im Kölner Eisstadion. Ein Telefongespräch zwischen Kaiser und dem "Heidelberger Tageblatt" am 09. Juni brachte Aufklärung. Sakata stünde nach wie vor in Krefeld und ab 11. Juni in Köln unter Vertrag des IBV Hamburg. Sakata versicherte Kaiser, dass er die beiden merkwürdigen Veranstalter kannte. Sie hätten ihm eine Deutschland-Tournee versprochen. Zu einem Vertrag ist es laut Kaiser jedoch nie gekommen. Damit war offensichtlich geworden, dass die Heidelberger Catch-Fans von zwei findigen Managern getäuscht worden sind.

Nach der Veranstaltung wurde Ghenassia zur Rede gestellt. Wütende Catch-Fans verlangten eine Erklärung. Er habe den Vertrag mit Sakata hier und könne ihn sofort vorzeigen, murmelte Ghenassia. Es sei sogar eine Gage von 2000 DM pro Abend vereinbart worden. Natürlich wollten sie das Dokument sehen. Die Show war aber vorbei und das Geld in der Kasse. Ghenassia und Sellet nutzten die Gunst der Stunde und machten sich vom Acker. Die Heidelberger Catch-Show sprach sich herum. Die nächsten Veranstaltungen in Zweibrücken und Saarbrücken waren genauso "geplant" worden. 800 Zuschauer warteten am 09.06.1965 vergebens in der Westpfalzhalle von Zweibrücken auf Sakata. Die Pariser Agentur gab aber nicht mehr an, dass er verunglückt sei. Die Machenschaften sind aufgeflogen, und in Saarbrücken schaltete sich sogar die Polizei nach einer Betrugsanzeige ein. Trotzdem war in Saarbrücken selbst am Tage der Veranstaltung nichts genaueres bekannt. Die Werbung für Sakata hing immer noch. Die Heidelberger Catch-Fans sahen ihr Geld nicht wieder. Ghenassia hatte rechtzeitig vor der Show einen Hinweis auf einen Zettel geschrieben. Man bezahlte und bekam ein paar, wenn auch mittelmäßige, Kämpfe präsentiert. Beschwerden blieben erfolglos, da Sakata durch Frank Valois ersetzt wurde. Aber wäre das vorher bekannt gegeben worden, dann hätte die Stadthalle keine 1300 Besucher gehabt. Mit der Werbung lohnte sich das Geschäft durchaus.

Gustl Kaiser bezeichnete solche Veranstalter als "Hasardeure". Generell gab es im Berufsringerlager auch in den 60er Jahren eine strikte Trennung zwischen "Freistil-Berufsringkämpfern" und "Catchern". Die Ringer im Hamburger IBV wollten nicht "Catcher" genannt werden. Sie kämpften zwar nach gelockerten Freistil-Regeln, traten aber ausschließlich in sog. "Internationalen Berufsringkampf Turnieren" an. Diese Turniere standen unter Aufsicht des IBV, der eine eigene Satzung hatte. Kaiser war durchaus kein 100%iger Catch-Gegner. Er bezog ja selbst Ringer, die einmal Catcher waren oder danach welche wurden. Mit der Bezeichnung "Catchen" konnte er sich dennoch nie wirklich anfreunden.
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Die großen Catcher-Skandale - von The Crusher - 15.07.2009, 20:00
[Kein Betreff] - von Mephisto - 15.07.2009, 20:12
[Kein Betreff] - von The Crusher - 15.07.2009, 20:25
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[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 08.01.2010, 20:42

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