17.10.2009, 11:13
Teil 2
Sieg des Russischen Löwen
Ende 1903 präsentierte der Veranstalter und Manager Antonio Pierri, dem Publikum in England einen neuen Schützling aus Istanbul, Ahmed Madrali. Er sollte sich gegen den aufsteigenden George Hackenschmidt stellen. Pierri schwor Rache, nachdem ihn Hackenschmidt gleich zwei Mal besiegte. Es entbrannte eine Rivalität und Pierri versuchte durch Werbeplakate, Madrali ins bessere Rampenlicht zu stellen. In England erschienen Werbeschriften, dass der Türke um ein Vielfaches besser sei, als dieser Osteuropäer. Es dauerte nicht mehr lange, bis auch die Herausforderung folgte. Pierri saß höchstpersönlich im Hintergrund und zog die Fäden.
Am 30. Januar 1904 war die Olympia Halle in London voll bis oben hin. Auf dem Programm stand die "Weltmeisterschaft im griechisch-römischen Stil". Madrali betrat den Ring mit seinem Manager Pierri. Hackenschmidt erschien in Begleitung von Jakob Koch. In diesen Stunden blickte die Wrestlingwelt in die britische Hauptstadt. Dieser Jahrhundertkampf sollte einen Stein ins Rollen bringen. Der Tag wurde aber zur bitteren Enttäuschung für Madrali, denn lange mussten die Zuschauer auf die Entscheidung nicht warten. Kurz nach Beginn versuchte Madrali sofort seinen Gegner an der Hüfte zu packen. Hackenschmidt konterte den Griff aus und hob den Türken hoch. Mit einem zielgerichteten Wurf sollte Madrali auf den Schultern landen. Doch beim Fall stürzte er so unglücklich, dass er sich dabei einen Arm auskugelte. Der Kampf war entschieden: Madrali wurde dadurch außer Gefecht gesetzt. Die Zuschauermassen jubelten dem Sieger zu. Pierri akzeptierte das Ergebnis nicht, Hackenschmidt hätte nur durch Zufall gewonnen. Monate später folgte der Rückkampf, den Madrali eindeutig verlor.
Die türkischen Wrestler wie Selim, Nourlah, Kara Ahmed, Ahmed Madrali, Court Derelli und Ismail Yusuf spielten im Pro-Wrestling bereits früh eine Rolle. Abgesehen von den einheimischen Stilen, brachten erst europäische Ringer die Türken nach England, Frankreich und in die USA. Was schlussendlich den Einstieg ins Profigeschäft bedeutete. Die Hauptverantwortlichen hinter den Kulissen waren Pierri und Altmeister Jean Doublier aus Frankreich. Besonders Doublier setzte sich stark für die türkischen Wrestler ein. Pierri startete schon im Jahre 1890 mit der Austragung von Freistilturnieren. Der Hauptschwerpunkt lag in London. Vorgesehen bei solchen Turnieren war stets der "catch-as-catch-can Style". Pierri war einer der ersten Veranstalter überhaupt im Profigeschäft.
Der Kampf vom 30. Januar 1904 schlug hohe Wellen. Selbst in Nordamerika realisierte man Hackenschmidts Sieg. Doch tausende Kilometer über dem Atlantik galt nur ein Wrestler als der wahre Champion, Frank Gotch. Kurz vorher besiegte Gotch in Bellingham (Washington) den Champion Tom Jenkins. Dadurch war er jetzt der "American Heavyweight Champion". In London wird Hackenschmidt zum "World Heavyweight Champion" ausgerufen. Die "Weltmeisterschaft" war tatsächlich nicht mehr inoffiziell. Zum ersten Mal in der Geschichte des Wrestlings wird ein Wrestler als "World Champion" anerkannt. Allerdings vorerst nur für den "Greco-Roman Style" und begrenzt auf Europa, denn die USA erkannten diesen Titel nicht an. Kein Wunder, da "Greco-Roman Wrestling" hier keine Rolle mehr spielte. Das Wrestling wurde durch den freien Stil bestimmt. Und der hatte seit 1893 längst einen Titel in den USA. Der "American Heavyweight Title" war die höchste Trophäe.
Inoffizielle Ernennungen zu "World Champions" gab es vorher zu Hauf. Aber stets fehlte dazu die Legitimität. Jetzt hatte zumindestens die alte Welt ihren ersten richtigen "World Champion" - und der wurde in ganz Europa anerkannt. Vorher war das nämlich anders. Auch wenn Hackenschmidt erst 1905 in Nordamerika als Champion anerkannt wurde, so war er in Europa schon mit Datum des 30. Januar 1904 "World Champion". Die vollständige Anerkennung dauerte für Hackenschmidt mehrere Jahre. Den Beginn machten einige Turniere im Jahre 1901. Durch Siege u.a. in Hamburg, Berlin, St. Petersburg, Wien und Paris wurde er bereits als Champion gehandelt.
Ein wichtiger Sieg gelang ihm bei der WM in Paris. Am 19. Dezember 1901 besiegte er den "König der Ringer" Constant le Boucher. Ein technisch sehr guter Wrestler. Acht Tage später kam der Rückkampf, den er ebenfalls gewann und damit die WM. Am 04. September 1902 folgte in Liverpool der nächste wichtige Kampf. Diesmal hatte Hackenschmidt allerdings einen schweren Brocken vor sich, Altmeister Tom Cannon. Der Ringkampflehrer hielt noch immer den hochrespektierten "European Greco-Roman Title". Aber Hackenschmidt war jung und kräftig, Cannon hingegen 25 Jahre älter. Die ganze Erfahrung von Cannon brachte nichts, auch er musste die Überlegenheit seines Gegners anerkennen. Hackenschmidt wurde neuer "European Greco-Roman Champion". Er war der letzte Träger dieses Titels. In England schlug das wie eine Bombe ein. Cannon wurde besiegt. Unglaublich! Der Sieg gegen Madrali brachte ihm dann die offizielle Ernennung in Europa ein.
England ist das Land der Wrestlingtraditionen. Mit dem Cumberland, Westmoreland, Devonshire, Cornwall und Lancashire Style, hatten die Briten uralte tief verwurzelte Traditionen. Und der Lancashire Style war der Ursprung aus dem der "catch-as-catch can" hervorging. Schillernde Figur war hier über mehrere Jahrzehnte Tom Cannon. In England gab es nie so ein starkes Gefälle zwischen Stadt- und Landbevölkerung wie in Deutschland. Aber die Stile machten sich auch gegenseitig Konkurrenz. Die ländlichen Stile, wie der Cumberland Style, hatten mitunter eine jahrtausendelange Geschichte. Auch hier starteten damals Turniere unter freiem Himmel. Häufige Austragungsorte fand man in Carlisle und Grasmere. Im 18.Jh. war Thomas Topham ein bekannter Kraftathtlet, der sowohl im Boxen wie im Wrestling kämpfte. Zur Jahrhundertmitte 19.Jh. waren William Jackson und Richard Chapman häufige Sieger und Teilnehmer. 1864 erschien dann Georg Steadman, der 33 Jahre lang den Cumberland- und Westmoreland Style dominierte. Der Gewinner zahlreicher Turniere verstarb 1904 in Brough (Westmoreland). Ein jährliches Großereignis war der "Carlisle Silver Cup". Ein Turnier, das Tausende Zuschauer anlockte. In Cumberland boten die "Langworthy Rounds" eine gut besuchte Attraktion.
In den USA vollzog sich derweilen ein Titelwechsel: Gotch verlor den US-Title an Tom Jenkins. Wenige Wochen später kam der berühmte Jahrhundertkampf Hackenschmidt gegen Jenkins im "Madison Square Garden" von New York. Der nächste Jahrhundertkampf führt ins Jahr 1905. Gleich zweimal kam es zu einer Begegnung, die die Wrestlingszene nachhaltig für die kommenden Jahre beeinflusste. In Nordamerika und Europa mischten bereits mehr Menschen im Showgeschäft mit, als noch 20 Jahre zuvor. Dabei machten sich ebenfalls die unterschiedlichen Stilrichtungen in den Ländern bemerkbar. Während in England und den USA das Freistilringen vorherrschte, kämpfte man in Mitteleuropa nach dem griechisch-römischen Stil aus Frankreich. Die steigende Zahl von Wrestlern Ende des 19.Jh. hielt auch Anfang des 20.Jh. an. Geschäftsleute und Unternehmer investierten in Shows, die aber im Durchschnitt wenig erfolgversprechend waren. Mit Wrestlingshows lies sich noch kein großes Geld verdienen. Ausnahmen bildeten sicherlich Kämpfe mit den beliebtesten Wrestlern.
Zu Beginn des 20.Jh. ist das Wetten bei Shows noch sehr beliebt. Umso gereizter war das Publikum als man bemerkte, dass nicht wenige Shows manipuliert wurden. Der Umbruch hin zum Unterhaltungssport dauerte mehrere Jahre. Eine Abkehr vom traditionellen Greco-Roman Wrestling war einer von vielen Schritten, um den amerikanischen Ringkampf zukunftsfähig zu gestalten. War das USA-Wrestling vorher noch hart und unberechenbar, setzte man später auf die Unterhaltung. Das Publikum wollte keine stundenlangen Kämpfe sehen. In den 1890er Jahren bekam der Freistil immer mehr Bedeutung. Frühe Vorbilder waren die Einwanderer aus England. Sie sind für die Verbreitung des catch-as-catch-can mitverantwortlich gewesen. Mit der Devise "vom Scheitel bis zur Hüfte" war es allmählich vorbei. Jetzt hieß es "vom Scheitel bis zur Sohle".
Obwohl das Greco-Roman Wrestling in den Hintergrund trat, fand es sich dennoch im mixed style Wrestling wieder. Um die Jahrhundertwende sorgte auch Martin Burns für ein aufkommendes Interesse am Wrestling. Tom Jenkins und Frank Gotch gehörten zu den wenigen, der von diesem Interesse profitieren konnten. Die Bezeichnungen "American Catch Wrestling" oder "American Freestyle Wrestling" charakterisierten ebenfalls den Aufbau einer Pro-Wrestling Szene. Ehe diese allerdings ihre richtige professionelle Form erreichte, vergingen noch etliche Jahre. Was fehlte war ein World Title.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Georg...chmidt.jpg]
George Hackenschmidt
In den USA galt nur der "American Heavyweight Title" als höchste Trophäe. In Europa war es der "European Greco-Roman Title". Man hatte also von vornherein schon zwei Titel, die die beiden unterschiedlichen Kampfstile in Konkurrenz zueinander vertraten. Spätestens seit dem 30. Januar 1904 hatte zumindestens Europa einen World Heavyweight Champion. Damals besiegte George Hackenschmidt in London den Türken Ahmed Madrali. Nordamerika erkannte diesen Titel jedoch nicht an. Am 04. Mai 1905 stand ein wichtiges Match bevor, dass nicht nur die Karriere der Kontrahenten beeinflusste.
Es ist ein Rückkampf gewesen, dessen Geschichte schon im Sommer 1904 in London begann. Die Anerkennung oder besser gesagt die Entstehung des ersten World Titles zog sich über mehrere Jahre hin. Erst diese beiden Kämpfe konnten letztendlich das Tor aufstoßen. In Amerika hatte man Hackenschmidt´s Erfolge längst registriert. Da es auf beiden Kontinenten schon einen gewissen Konkurrenzgedanken gab, ist es unumgänglich gewesen, jetzt die eigenen Schützlinge in den Kampf zu schicken. Die Spitze der amerikanischen Wrestler war 1904 relativ winzig. Zu den besten Athleten jener Zeit gehörte Tom Jenkins. Er wurde später ein vielgeschätzter Ringkampflehrer an der Militärakademie in West-Point. Jenkins konnte bereits als American Heavyweight Champion überzeugen. Jetzt lag das Augenmerk beim europäischen Champion. Ein Siegeszug über die alte Welt war sowieso längst überfällig. Dieser Weg sollte sich aber als sehr schwierig erweisen.
Eines Tages tauchte Jenkins Manager Harry Pollok auf und verkündete die nahe Ankunft seines Schützlings in England. Die Fahrt über den Atlantik lies nicht mehr lange auf sich warten. Im März 1904 berichtete das mächtige Presseblatt der deutschen Berufsringer, die "Illustrierte Athletik Sportzeitung": "Tom Jenkins, der catch-as-catch-can Meister von Amerika, dessen Überfahrt nach Europa bereits gemeldet wurde, ist in London angekommen und bereitet sich auf verschiedene Kämpfe vor." Für den 02. Juli 1904 wurde ein großes Match Hackenschmidt vs. Jenkins angekündigt. In der Zwischenzeit kamen noch andere Wrestler und wollten diverse Matches gegen den "Russischen Löwen" bestreiten.
Georg Lurich und Alexander Aberg reisten ebenfalls nach England. Im Jahre 1904 gab es gleich mehrere Turniere in London, die unter der Leitung von Antonio Pierri veranstaltet wurden. Im Gewirr der Herausforderungen fielen oft die Bezeichnungen "Weltmeisterschaft" und "World Champion". Zum stärksten Konkurrenten für Hackenschmidt kristallisierte sich zunächst Lurich heraus. Als dieser in London auftauchte, deponierte er eine hohe Summe bei der Zeitung "Sporting Life". Eine Herausforderung erging an Hackenschmidt und an die vielen Schützlinge von Pierri. Dazu zählten Curt Derelli, Halil Adali und Nourlah. Gleich mehrere Aufforderungen verliefen im Sande. Hackenschmidt wollte nur gegen englische Amateure antreten. Lurich lies nicht locker. Die Londoner "Sportsman" verkündete ein Inserat von Lurich: "Hiermit fordere ich Hackenschmidt zum dritten Male auf, mit mir um einen gegenseitigen Einsatz von 300 Pfund zu ringen; daß Hackenschmidt eine gewisse Zeit zum Training für diesen Kampf brauchen würde, verstehe ich, aber was ich nicht verstehe, ist, daß ich von Hackenschmidt noch keine Antwort auf meine Aufforderungen erhalten habe." Er bekam auch hierauf keine Antwort.
Tage später schrieb Lurich im April 1904 an die Zeitung "Sportsman": "Da Hackenschmidt durchaus nicht mit mir ringen zu wollen scheint, so will ich ihm ein uneigennütziges Anerbieten machen, welches einzig in seiner Art und wohl noch von keinem anderen jemals gewagt worden ist: Ich erkläre mich bereit, ohne Honorar zu jeder Zeit mit Hackenschmidt zu ringen, auch überlasse ich es Hackenschmidt, den Ort unseres Kampfes zu bestimmen, außerdem zahle ich 50 Pfund an Hackenschmidt, falls ich ihn nicht innerhalb einer Stunde regelrecht werfe, und 100 Pfund zahle ich an Hackenschmidt, falls er mich besiegen würde, seinerseits beanspruche ich keine Gegenprämie. Mehr kann ich nicht tun und wenn Hackenschmidt jetzt noch sich weigert, mein ehrliches, uneigennütziges Anerbieten anzunehmen, so ersieht wohl ein jeder, daß Hackenschmidt Furcht hat, mit mir zu ringen. Ich gebe Hackenschmidt noch zwei Tage Zeit, sich zu besinnen, erfolgt diesesmal wieder keine Antwort, so wird sich jeder unparteiische Leser ein Urteil bilden können, wer von uns beiden der wirkliche Champion im griechisch-römischen Ringkampf ist."
Die Herausforderungen verliefen im Sande. Ein für den 23. April 1904 angesetztes Match lies Hackenschmidt verstreichen. Im Londoner "Crystal Palace" kämpfte Lurich stattdessen gegen den "Bulldog" Tom Clayton. Diese Weigerungen von Hackenschmidt brachten so einige Zweifel an seiner Weltmeisterschaft hervor. War man nachdem Sieg gegen Madrali noch überzeugt einen echten World Champion zu haben, hieß es jetzt, Lurich sei mindestens genauso gut. Wieder kam es zu Spekulationen über den bevorstehenden Kampf mit dem amerikanischen Champion. Jenkins lies eine Herausforderung verlauten. Es sollte ein Match im amerikanischen Freistil (catch-as-catch-can) folgen. Diese Regelung akzeptierte Hackenschmidt´s Manager Charles Cochran nicht, da er Jenkins klar im Vorteil sah. Die Festsetzung des Kampfes zog sich über Wochen hin. Man fand keine passende Lösung über den Stil. Hackenschmidt pochte auf den griechisch-römischen Stil, Jenkins dagegen auf den Freistil. Der Amerikaner hatte schon seit seiner Abreise aus den USA die feste Absicht, im Freistil zu kämpfen. Doch das blieb ein Wunsch. Hackenschmidt weigerte sich bislang, da er bis September noch ausreichend Verpflichtungen zu erfüllen hätte.
Sieg des Russischen Löwen
Ende 1903 präsentierte der Veranstalter und Manager Antonio Pierri, dem Publikum in England einen neuen Schützling aus Istanbul, Ahmed Madrali. Er sollte sich gegen den aufsteigenden George Hackenschmidt stellen. Pierri schwor Rache, nachdem ihn Hackenschmidt gleich zwei Mal besiegte. Es entbrannte eine Rivalität und Pierri versuchte durch Werbeplakate, Madrali ins bessere Rampenlicht zu stellen. In England erschienen Werbeschriften, dass der Türke um ein Vielfaches besser sei, als dieser Osteuropäer. Es dauerte nicht mehr lange, bis auch die Herausforderung folgte. Pierri saß höchstpersönlich im Hintergrund und zog die Fäden.
Am 30. Januar 1904 war die Olympia Halle in London voll bis oben hin. Auf dem Programm stand die "Weltmeisterschaft im griechisch-römischen Stil". Madrali betrat den Ring mit seinem Manager Pierri. Hackenschmidt erschien in Begleitung von Jakob Koch. In diesen Stunden blickte die Wrestlingwelt in die britische Hauptstadt. Dieser Jahrhundertkampf sollte einen Stein ins Rollen bringen. Der Tag wurde aber zur bitteren Enttäuschung für Madrali, denn lange mussten die Zuschauer auf die Entscheidung nicht warten. Kurz nach Beginn versuchte Madrali sofort seinen Gegner an der Hüfte zu packen. Hackenschmidt konterte den Griff aus und hob den Türken hoch. Mit einem zielgerichteten Wurf sollte Madrali auf den Schultern landen. Doch beim Fall stürzte er so unglücklich, dass er sich dabei einen Arm auskugelte. Der Kampf war entschieden: Madrali wurde dadurch außer Gefecht gesetzt. Die Zuschauermassen jubelten dem Sieger zu. Pierri akzeptierte das Ergebnis nicht, Hackenschmidt hätte nur durch Zufall gewonnen. Monate später folgte der Rückkampf, den Madrali eindeutig verlor.
Die türkischen Wrestler wie Selim, Nourlah, Kara Ahmed, Ahmed Madrali, Court Derelli und Ismail Yusuf spielten im Pro-Wrestling bereits früh eine Rolle. Abgesehen von den einheimischen Stilen, brachten erst europäische Ringer die Türken nach England, Frankreich und in die USA. Was schlussendlich den Einstieg ins Profigeschäft bedeutete. Die Hauptverantwortlichen hinter den Kulissen waren Pierri und Altmeister Jean Doublier aus Frankreich. Besonders Doublier setzte sich stark für die türkischen Wrestler ein. Pierri startete schon im Jahre 1890 mit der Austragung von Freistilturnieren. Der Hauptschwerpunkt lag in London. Vorgesehen bei solchen Turnieren war stets der "catch-as-catch-can Style". Pierri war einer der ersten Veranstalter überhaupt im Profigeschäft.
Der Kampf vom 30. Januar 1904 schlug hohe Wellen. Selbst in Nordamerika realisierte man Hackenschmidts Sieg. Doch tausende Kilometer über dem Atlantik galt nur ein Wrestler als der wahre Champion, Frank Gotch. Kurz vorher besiegte Gotch in Bellingham (Washington) den Champion Tom Jenkins. Dadurch war er jetzt der "American Heavyweight Champion". In London wird Hackenschmidt zum "World Heavyweight Champion" ausgerufen. Die "Weltmeisterschaft" war tatsächlich nicht mehr inoffiziell. Zum ersten Mal in der Geschichte des Wrestlings wird ein Wrestler als "World Champion" anerkannt. Allerdings vorerst nur für den "Greco-Roman Style" und begrenzt auf Europa, denn die USA erkannten diesen Titel nicht an. Kein Wunder, da "Greco-Roman Wrestling" hier keine Rolle mehr spielte. Das Wrestling wurde durch den freien Stil bestimmt. Und der hatte seit 1893 längst einen Titel in den USA. Der "American Heavyweight Title" war die höchste Trophäe.
Inoffizielle Ernennungen zu "World Champions" gab es vorher zu Hauf. Aber stets fehlte dazu die Legitimität. Jetzt hatte zumindestens die alte Welt ihren ersten richtigen "World Champion" - und der wurde in ganz Europa anerkannt. Vorher war das nämlich anders. Auch wenn Hackenschmidt erst 1905 in Nordamerika als Champion anerkannt wurde, so war er in Europa schon mit Datum des 30. Januar 1904 "World Champion". Die vollständige Anerkennung dauerte für Hackenschmidt mehrere Jahre. Den Beginn machten einige Turniere im Jahre 1901. Durch Siege u.a. in Hamburg, Berlin, St. Petersburg, Wien und Paris wurde er bereits als Champion gehandelt.
Ein wichtiger Sieg gelang ihm bei der WM in Paris. Am 19. Dezember 1901 besiegte er den "König der Ringer" Constant le Boucher. Ein technisch sehr guter Wrestler. Acht Tage später kam der Rückkampf, den er ebenfalls gewann und damit die WM. Am 04. September 1902 folgte in Liverpool der nächste wichtige Kampf. Diesmal hatte Hackenschmidt allerdings einen schweren Brocken vor sich, Altmeister Tom Cannon. Der Ringkampflehrer hielt noch immer den hochrespektierten "European Greco-Roman Title". Aber Hackenschmidt war jung und kräftig, Cannon hingegen 25 Jahre älter. Die ganze Erfahrung von Cannon brachte nichts, auch er musste die Überlegenheit seines Gegners anerkennen. Hackenschmidt wurde neuer "European Greco-Roman Champion". Er war der letzte Träger dieses Titels. In England schlug das wie eine Bombe ein. Cannon wurde besiegt. Unglaublich! Der Sieg gegen Madrali brachte ihm dann die offizielle Ernennung in Europa ein.
England ist das Land der Wrestlingtraditionen. Mit dem Cumberland, Westmoreland, Devonshire, Cornwall und Lancashire Style, hatten die Briten uralte tief verwurzelte Traditionen. Und der Lancashire Style war der Ursprung aus dem der "catch-as-catch can" hervorging. Schillernde Figur war hier über mehrere Jahrzehnte Tom Cannon. In England gab es nie so ein starkes Gefälle zwischen Stadt- und Landbevölkerung wie in Deutschland. Aber die Stile machten sich auch gegenseitig Konkurrenz. Die ländlichen Stile, wie der Cumberland Style, hatten mitunter eine jahrtausendelange Geschichte. Auch hier starteten damals Turniere unter freiem Himmel. Häufige Austragungsorte fand man in Carlisle und Grasmere. Im 18.Jh. war Thomas Topham ein bekannter Kraftathtlet, der sowohl im Boxen wie im Wrestling kämpfte. Zur Jahrhundertmitte 19.Jh. waren William Jackson und Richard Chapman häufige Sieger und Teilnehmer. 1864 erschien dann Georg Steadman, der 33 Jahre lang den Cumberland- und Westmoreland Style dominierte. Der Gewinner zahlreicher Turniere verstarb 1904 in Brough (Westmoreland). Ein jährliches Großereignis war der "Carlisle Silver Cup". Ein Turnier, das Tausende Zuschauer anlockte. In Cumberland boten die "Langworthy Rounds" eine gut besuchte Attraktion.
In den USA vollzog sich derweilen ein Titelwechsel: Gotch verlor den US-Title an Tom Jenkins. Wenige Wochen später kam der berühmte Jahrhundertkampf Hackenschmidt gegen Jenkins im "Madison Square Garden" von New York. Der nächste Jahrhundertkampf führt ins Jahr 1905. Gleich zweimal kam es zu einer Begegnung, die die Wrestlingszene nachhaltig für die kommenden Jahre beeinflusste. In Nordamerika und Europa mischten bereits mehr Menschen im Showgeschäft mit, als noch 20 Jahre zuvor. Dabei machten sich ebenfalls die unterschiedlichen Stilrichtungen in den Ländern bemerkbar. Während in England und den USA das Freistilringen vorherrschte, kämpfte man in Mitteleuropa nach dem griechisch-römischen Stil aus Frankreich. Die steigende Zahl von Wrestlern Ende des 19.Jh. hielt auch Anfang des 20.Jh. an. Geschäftsleute und Unternehmer investierten in Shows, die aber im Durchschnitt wenig erfolgversprechend waren. Mit Wrestlingshows lies sich noch kein großes Geld verdienen. Ausnahmen bildeten sicherlich Kämpfe mit den beliebtesten Wrestlern.
Zu Beginn des 20.Jh. ist das Wetten bei Shows noch sehr beliebt. Umso gereizter war das Publikum als man bemerkte, dass nicht wenige Shows manipuliert wurden. Der Umbruch hin zum Unterhaltungssport dauerte mehrere Jahre. Eine Abkehr vom traditionellen Greco-Roman Wrestling war einer von vielen Schritten, um den amerikanischen Ringkampf zukunftsfähig zu gestalten. War das USA-Wrestling vorher noch hart und unberechenbar, setzte man später auf die Unterhaltung. Das Publikum wollte keine stundenlangen Kämpfe sehen. In den 1890er Jahren bekam der Freistil immer mehr Bedeutung. Frühe Vorbilder waren die Einwanderer aus England. Sie sind für die Verbreitung des catch-as-catch-can mitverantwortlich gewesen. Mit der Devise "vom Scheitel bis zur Hüfte" war es allmählich vorbei. Jetzt hieß es "vom Scheitel bis zur Sohle".
Obwohl das Greco-Roman Wrestling in den Hintergrund trat, fand es sich dennoch im mixed style Wrestling wieder. Um die Jahrhundertwende sorgte auch Martin Burns für ein aufkommendes Interesse am Wrestling. Tom Jenkins und Frank Gotch gehörten zu den wenigen, der von diesem Interesse profitieren konnten. Die Bezeichnungen "American Catch Wrestling" oder "American Freestyle Wrestling" charakterisierten ebenfalls den Aufbau einer Pro-Wrestling Szene. Ehe diese allerdings ihre richtige professionelle Form erreichte, vergingen noch etliche Jahre. Was fehlte war ein World Title.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Georg...chmidt.jpg]
George Hackenschmidt
In den USA galt nur der "American Heavyweight Title" als höchste Trophäe. In Europa war es der "European Greco-Roman Title". Man hatte also von vornherein schon zwei Titel, die die beiden unterschiedlichen Kampfstile in Konkurrenz zueinander vertraten. Spätestens seit dem 30. Januar 1904 hatte zumindestens Europa einen World Heavyweight Champion. Damals besiegte George Hackenschmidt in London den Türken Ahmed Madrali. Nordamerika erkannte diesen Titel jedoch nicht an. Am 04. Mai 1905 stand ein wichtiges Match bevor, dass nicht nur die Karriere der Kontrahenten beeinflusste.
Es ist ein Rückkampf gewesen, dessen Geschichte schon im Sommer 1904 in London begann. Die Anerkennung oder besser gesagt die Entstehung des ersten World Titles zog sich über mehrere Jahre hin. Erst diese beiden Kämpfe konnten letztendlich das Tor aufstoßen. In Amerika hatte man Hackenschmidt´s Erfolge längst registriert. Da es auf beiden Kontinenten schon einen gewissen Konkurrenzgedanken gab, ist es unumgänglich gewesen, jetzt die eigenen Schützlinge in den Kampf zu schicken. Die Spitze der amerikanischen Wrestler war 1904 relativ winzig. Zu den besten Athleten jener Zeit gehörte Tom Jenkins. Er wurde später ein vielgeschätzter Ringkampflehrer an der Militärakademie in West-Point. Jenkins konnte bereits als American Heavyweight Champion überzeugen. Jetzt lag das Augenmerk beim europäischen Champion. Ein Siegeszug über die alte Welt war sowieso längst überfällig. Dieser Weg sollte sich aber als sehr schwierig erweisen.
Eines Tages tauchte Jenkins Manager Harry Pollok auf und verkündete die nahe Ankunft seines Schützlings in England. Die Fahrt über den Atlantik lies nicht mehr lange auf sich warten. Im März 1904 berichtete das mächtige Presseblatt der deutschen Berufsringer, die "Illustrierte Athletik Sportzeitung": "Tom Jenkins, der catch-as-catch-can Meister von Amerika, dessen Überfahrt nach Europa bereits gemeldet wurde, ist in London angekommen und bereitet sich auf verschiedene Kämpfe vor." Für den 02. Juli 1904 wurde ein großes Match Hackenschmidt vs. Jenkins angekündigt. In der Zwischenzeit kamen noch andere Wrestler und wollten diverse Matches gegen den "Russischen Löwen" bestreiten.
Georg Lurich und Alexander Aberg reisten ebenfalls nach England. Im Jahre 1904 gab es gleich mehrere Turniere in London, die unter der Leitung von Antonio Pierri veranstaltet wurden. Im Gewirr der Herausforderungen fielen oft die Bezeichnungen "Weltmeisterschaft" und "World Champion". Zum stärksten Konkurrenten für Hackenschmidt kristallisierte sich zunächst Lurich heraus. Als dieser in London auftauchte, deponierte er eine hohe Summe bei der Zeitung "Sporting Life". Eine Herausforderung erging an Hackenschmidt und an die vielen Schützlinge von Pierri. Dazu zählten Curt Derelli, Halil Adali und Nourlah. Gleich mehrere Aufforderungen verliefen im Sande. Hackenschmidt wollte nur gegen englische Amateure antreten. Lurich lies nicht locker. Die Londoner "Sportsman" verkündete ein Inserat von Lurich: "Hiermit fordere ich Hackenschmidt zum dritten Male auf, mit mir um einen gegenseitigen Einsatz von 300 Pfund zu ringen; daß Hackenschmidt eine gewisse Zeit zum Training für diesen Kampf brauchen würde, verstehe ich, aber was ich nicht verstehe, ist, daß ich von Hackenschmidt noch keine Antwort auf meine Aufforderungen erhalten habe." Er bekam auch hierauf keine Antwort.
Tage später schrieb Lurich im April 1904 an die Zeitung "Sportsman": "Da Hackenschmidt durchaus nicht mit mir ringen zu wollen scheint, so will ich ihm ein uneigennütziges Anerbieten machen, welches einzig in seiner Art und wohl noch von keinem anderen jemals gewagt worden ist: Ich erkläre mich bereit, ohne Honorar zu jeder Zeit mit Hackenschmidt zu ringen, auch überlasse ich es Hackenschmidt, den Ort unseres Kampfes zu bestimmen, außerdem zahle ich 50 Pfund an Hackenschmidt, falls ich ihn nicht innerhalb einer Stunde regelrecht werfe, und 100 Pfund zahle ich an Hackenschmidt, falls er mich besiegen würde, seinerseits beanspruche ich keine Gegenprämie. Mehr kann ich nicht tun und wenn Hackenschmidt jetzt noch sich weigert, mein ehrliches, uneigennütziges Anerbieten anzunehmen, so ersieht wohl ein jeder, daß Hackenschmidt Furcht hat, mit mir zu ringen. Ich gebe Hackenschmidt noch zwei Tage Zeit, sich zu besinnen, erfolgt diesesmal wieder keine Antwort, so wird sich jeder unparteiische Leser ein Urteil bilden können, wer von uns beiden der wirkliche Champion im griechisch-römischen Ringkampf ist."
Die Herausforderungen verliefen im Sande. Ein für den 23. April 1904 angesetztes Match lies Hackenschmidt verstreichen. Im Londoner "Crystal Palace" kämpfte Lurich stattdessen gegen den "Bulldog" Tom Clayton. Diese Weigerungen von Hackenschmidt brachten so einige Zweifel an seiner Weltmeisterschaft hervor. War man nachdem Sieg gegen Madrali noch überzeugt einen echten World Champion zu haben, hieß es jetzt, Lurich sei mindestens genauso gut. Wieder kam es zu Spekulationen über den bevorstehenden Kampf mit dem amerikanischen Champion. Jenkins lies eine Herausforderung verlauten. Es sollte ein Match im amerikanischen Freistil (catch-as-catch-can) folgen. Diese Regelung akzeptierte Hackenschmidt´s Manager Charles Cochran nicht, da er Jenkins klar im Vorteil sah. Die Festsetzung des Kampfes zog sich über Wochen hin. Man fand keine passende Lösung über den Stil. Hackenschmidt pochte auf den griechisch-römischen Stil, Jenkins dagegen auf den Freistil. Der Amerikaner hatte schon seit seiner Abreise aus den USA die feste Absicht, im Freistil zu kämpfen. Doch das blieb ein Wunsch. Hackenschmidt weigerte sich bislang, da er bis September noch ausreichend Verpflichtungen zu erfüllen hätte.
