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Jahrhundertkämpfe
#6
Teil 3
Weltmeisterschaften in Paris und St. Petersburg

Ob William Muldoon, Frank Gotch oder Tom Jenkins - die wahre Geschichte vieler Berufsringer begann erst in Europa. Jahrhundertkämpfe waren kein amerikanisches Phänomen, sondern erschienen Ende des 19. Jh. auch auf unserem Kontinent. England und Frankreich hatten zu diesem Zeitpunkt hier die meisten Berufsringer vorzuweisen. Während man in London durchaus vom „Wrestler“ sprach, hielt es Paris eher mit den Bezeichnungen „Professionals“, „Berufsringer“ oder „Konkurrenten“. In der Tat waren schon im 19.Jh. offiziell Berufsringer unterwegs, die mit der Kunst des Ringkampfes ihr Geld verdienten. Allerdings gab es bei weitem noch Unterschiede in der Kampfweise beider Staaten. Während die Engländer im freien Ringkampf glänzten, erschufen die Franzosen ihren eigenen Stil. Sie nannten ihn "griechisch-römisch". Er entstand in der Profiform Mitte des 19.Jh. in Südfrankreich. Mit den Traditionen aus der Antike hatte er aber nur noch wenig gemeinsam. Der Stil aus Frankreich erfasste auch Mitteleuropa. Man stand nun im starken Gegensatz zu den Amerikanern und Engländern. Die Lehrer aus Frankreich waren auch die ersten Ringer, die als Profis am Boden kämpften. Unter „Wrestler“ verstand man in Europa etwas anderes, als in der neuen Welt. Die Kampfweise der Franzosen wurde lange hoch gehalten. Ein Wrestler entsprach hier einem Ringer, der nach griechisch-römischen Regelwerk antrat. Man konnte sich wenig mit Freistilringkämpfen identifizieren. Es dauerte sehr lange, bis die französischen Traditionen in Mitteleuropa aufgebrochen wurden. Im Prinzip erst mit dem Auftauchen des Catchens.

Was man gerne als "Berufsringkampf" titulierte, brauchte eine Weltmeisterschaft. Bis in das Jahr 1897 waren die europäischen Ringer als einzelne Kämpfer unterwegs. Sie versuchten ihr Glück im Zirkus, Varietè oder auf dem Jahrmarkt. Sie bestritten einzelne Herausforderungen gegen Leute aus dem Publikum. Die Amerikaner nannten dies "Gambling". Auch nach 1897 ist dies noch der Fall gewesen, obgleich sich die Masse der Ringer in Vereinen/Verbänden konstituierte. Die einstigen Lehrer dieser Kraftmenschen waren frühe Kraftakrobaten, die noch den Ringkampf und das Gewichtheben gleichzeitig betrieben. Ihr Betätigungsfeld brach zusammen mit der Einführung größerer Turniere. Veranstalter in Brüssel hielten vom 07. bis 13. August 1897 eine sogenannte „Weltmeisterschaft“ mit 80 Ringern ab. Eine unvorstellbar große Zahl von Teilnehmern, da es, außer in England, vorher nie solche Konstitutionen gab. In England wurden große Turniere, etwa im Cumberland oder Westmoreland Style, schon Jahrhunderte vorher unter freiem Himmel ausgetragen. Der Franzose Maurice Gambier siegte im Mittelgewicht. Den zweiten Platz sicherte sich Trillat le Savoyard und Dritter wurde Francois Fournier, eine wahre Legende in Frankreich. Schwergewichte fanden hier vermutlich keinen Zutritt, da dieses Turnier heute als erste (europäische) Weltmeisterschaft im Mittelgewicht gewertet wird. Aber nur mit Mittelgewichtlern ließ sich auf die Dauer kein Geld verdienen. Schwergewichtlern ist das Anrecht nach Weltmeisterschaften dann vermehrt zugesprochen worden. Erst Paris sollte 1898 die erste offizielle WM im Berufsringkampf abhalten. Weltmeisterschaften gab es eigentlich schon viel früher. Im Boxen eher als im Wrestling. Im Wrestling nur in Form einzelner Matches, wie bereits beschrieben. Das Auftreten von ganzen Turnieren war neu. Die Amerikaner sahen ihre Stellung im Wrestling schon früh als wichtig an. So erschienen erste inoffizielle WMs hier bereits in den 1880er Jahren. Aber freilich blieb davon nicht viel übrig.

In Paris wollten die Veranstalter von Amateuren nichts wissen. Sie ließen nur Berufsringer antreten. Der Franzose Pierre de Lucenski rief einen Kreis elitärer Ringer zusammen, die die erste offizielle WM austragen sollten. Man fand unter ihnen fast alle großen Kämpfer der Zeit wie: Jean Doublier, Augusté Robinet, Apollon, Paul Pons, Ladislaus Pytlasinski, Tom Cannon, Laurent le Beaucairois, Raoul de Cahor, Boye le Marseille, Joseph Bondaux, Aimable de la Calmette, Cartanzi, Constant le Boucher, Viktor Daumas, Court Derelli, Fènèlon, Paul le Masson, Nicolai Petroff, Pietro II und die große franz. Legende Sabès. An Hand der Namen lässt sich sehr gut ableiten, welche Rolle die Franzosen damals spielten. Von einer Überzahl osteuropäischer Ringer kann man hier wohl kaum sprechen, wie es gerne mal postum behauptet wird. Ein Faktum ist, dass es erst in Paris losging und nicht in St. Petersburg. Vermutlich öffnete das berühmte Pariser Theater „Folies Bergères“ am 17. Dezember 1898 seine Pforten für das WM-Turnier. Für diese Lokalität entschieden sich Lucenski und seine Finanziers. Wahrscheinlich war daran auch eine der großen Pariser Sportzeitungen beteiligt. Im Finale standen sich Paul Pons und Ladislaus Pytlasinski gegenüber. Den Wettstreit entschied der Franzose Paul Pons. Jener Ringer, der zu den Stärksten Frankreichs zählte. 1888 wurde er Schüler von Altmeister Felix Bernard in Bordeaux. Pons glänzte noch mal in den Jahren 1899, 1900 und 1907, als er erneut das WM-Turnier gewann. Er fand ein unehrenhaftes Ende in Mitten des Erstes Weltkrieges. Beim Angeln stolperte er kopfüber in den Fluss Garonne und ertrank jämmerlich. Auf Platz 3, nach Pons und Pytlasinski, landete Maurice Gambier. Vierter wurde ein aus Wien stammender Ringer namens Cyrill Wetasa. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen mehr, wo alle Kampfverläufe abzulesen sind. Der Historiker Gerhard Schäfer geht davon aus, dass der Endkampf zwischen Pons und Pytlasinski am 25. Dezember 1898 ausgetragen wurde. Fast verschwunden dagegen ist jene WM, die noch im gleichen Zeitraum in Paris stattfand. Sie war kürzer, vermutlich nur auf drei oder vier Tage festgesetzt worden. Ende Dezember 1898 gewann der Türke Kara Ahmed das zweite WM-Turnier. Für den zweiten Platz qualifizierte sich Constant le Boucher. 1898 gab es dann noch ein drittes Turnier, den „Großen Preis von Paris“. Pytlasinski siegte vor le Boucher und Aimable de la Calmette.

Das dritte WM-Turnier erreichte im März 1899 schließlich St. Petersburg. Es ging über Wochen, was danach in Russland keine Seltenheit mehr war. Am 19. Mai 1899 bekam der Bulgare Nicolai Petroff, nach seinem Sieg über A. Meo, eine Goldmedaille überreicht, was gleichzeitig den Turniersieg bedeutete. John Pohl aus Deutschland, genannt „Abs II“, gewann die Silbermedaille. Platz 3 sicherte sich ein Ringer namens George Hackenschmidt. Er besiegte am 14. Mai 1899 Ursus Jankowski. In Westeuropa nahm man noch keine Notiz von Hackenschmidt. Ein Trugschluss, der sich spätestens 1902 mit dem Sieg über Tom Cannon bestätigte. Danach war er es, der zur Spitzenklasse des Profiringkampfes zählte. In Paris wurde 1899 die 4. WM ausgetragen. Diesmal kam die Leichtgewichtsklasse zum Zuge. Im Finale der Schwergewichtsklasse standen sich Kara Ahmed und Constant le Boucher gegenüber. Letzteren nannte man nur "le roi de la lutte", den "König der Ringer". Es wurde ein Kampf rohe Körperkraft gegen Technik. Die Königskrone brachte dem Technikwunder le Boucher aber an diesem Tage nicht viel. Im Endkampf, am 30. November 1899, bezwang ihn Kara Ahmed vor einer großen Zahl erstaunter Zuschauer. Maurice Gambier siegte in der Leichtgewichtsklasse. Begonnen hatte das vierte WM-Turnier am 03. November 1899 im „Casino de Paris“. Veranstalter war die Pariser Sportzeitung „Journal des Sports“. Während dieser WM kam es zu einem weiteren Kampf, der Geschichte schrieb. In den USA hatten schon William Muldoon und Clarence Whistler bewiesen, dass Matches über Stunden gehen können. Jetzt aber wurde ein Rekord gebrochen. Maurice Gambier und der Münchner Michael Hitzler kämpften ganze 10 Stunden und 44 Minuten. Man musste ihre Fehde auf mehrere Abende verteilen.

Gambier und Hitzler kämpften bis zum Umfallen. Am 13. November 1899 endete ihr erstes Aufeinandertreffen nach 75 erfolglosen Minuten. Das Publikum war alles andere als begeistert von dieser Begegnung. Bei der Fortsetzung, am 11. Tag des Turniers, brach man nach 60 Minuten ab. Dieses komplizierte Verwirrspiel ging bis zum 21. November 1899. Bis dahin wurde der Kampf acht Mal verschoben. Es ging um 14.15 Uhr los und endete um 17.30 Uhr wieder ohne Ergebnis. Um 22 Uhr nahm man den Kampf wieder auf. Am Ende siegte offiziell Gambier nach einer Gesamtzeit von 10 Stunden und 44 Minuten. Solange hatte ein Profiringkampf in Europa noch nie gedauert. „Offiziell“ hieß es jedoch nur von französischer Seite, da andere Quellen von einem Unentschieden sprachen. Weil in Paris jedoch fast nur Franzosen in der Loge des Komitees saßen, blieb man bei der kontroversen Entscheidung, Gambier habe gewonnen. Zwei Wochen nachdem das vierte WM-Turnier beendet war, startete im Dezember 1899 die 5. WM im „Casino de Paris“. Am 29. Dezember 1899 besiegte Paul Pons erneut seinen alten Rivalen Ladislaus Pytlasinski, um zum zweiten Mal Weltmeister zu werden. Gerhard Schäfer betitelte sie in seinen Chroniken als „sogenannte WM“. Die „Illustrirte Deutsche Athleten-Zeitung“ (illustriert noch ohne ie) von Josef Haupt kritisierte die Vielzahl von, wie sie es ausdrückte, sog. „Weltmeisterschaften“. Zu diesem Zeitpunkt bezeichneten sich vier Ringer als Weltmeister: Ernst Roeber, Paul Pons, Magnus Bech-Olsen und Tom Cannon.

Nach 1900 erreichten diese Turniere immer mehr Städte, was den Charakter einer „europäischen“ Weltmeisterschaft deutlich steigern konnte. Doch nach wie vor wurde im franz. Stil (gr.-röm.) gekämpft, der in Amerika längst an Boden verloren hatte. Die Franzosen haben viel für den Ringkampf getan. Sie stehen am Anfang einer Kette von Legenden. Ihre osteuropäischen Konkurrenten drängten aber mit der Jahrhundertwende immer weiter vor. Davon erzählt der nächste Teil.
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Jahrhundertkämpfe - von The Crusher - 10.10.2009, 18:26
[Kein Betreff] - von The Crusher - 10.10.2009, 18:27
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 10.10.2009, 18:44
[Kein Betreff] - von The Crusher - 17.10.2009, 11:13
[Kein Betreff] - von The Crusher - 17.10.2009, 11:13
[Kein Betreff] - von The Crusher - 27.02.2010, 04:59
[Kein Betreff] - von The Crusher - 27.02.2010, 13:17
[Kein Betreff] - von Double F - 27.02.2010, 14:01
[Kein Betreff] - von The Crusher - 20.05.2010, 18:12
[Kein Betreff] - von Adrian Adonis - 20.05.2010, 18:15
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[Kein Betreff] - von Blubb - 31.05.2010, 01:06
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[Kein Betreff] - von The Crusher - 31.05.2010, 16:17
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[Kein Betreff] - von The Crusher - 31.05.2010, 18:30

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