01.04.2011, 13:22
Zitat:Original von Nefercheperur
Das sehen wir eben unterschiedlich, weil ich denke das schon. Ich bin der Meinung das Europa auf das gesamte Professional Wrestling im 19 Jahrhundert und anfang des 20 Jahrhunderts einen grossen Einfluss und eine grosse Bedeutung hatte, diese nahm aber im 20 Jahrhundert immer mehr ab.
Prozentual in Sachen Zuschauerzahlen nahm dieser Einfluss, aus den schon genannten Gründen, ab. Sei es das Amateurlager, die Presse oder die überwiegende Ansicht in Deutschland, dass Catchen "nur" Show ist. Dabei bin ich heute eigentlich der Meinung, dass die Turniere in Deutschland und Österreich einen weitaus höheren sportlichen Charakter hatten, als etwa eine amerikanische Wrestlingshow.
Die Zeitungsartikel, Bücher und sonstigen Quellen, aus vielen Zeitspannen des 20. Jahrhunderts, wiederlegen die These, dass Europa an Einfluss verlor oder die Wrestlingszene hier schlicht für nicht mehr existent gehalten wurde. Der maßgebliche Grund für diese Unwissenheit war (und ist vielleicht noch), dass über das frühe deutsche Wrestling so gut wie gar nicht in den USA berichtet wurde. Ich glaube, dass viele Leute gar nicht wissen, dass das deutsche Wrestling vor dem 2. Weltkrieg, vor dem 1. Weltkrieg und in den 30iger Jahren schon einen wahren Boom an Turnieren erlebte. Was in Amerika nicht mehr funktionierte, war hier noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägend - der griechisch-römische Stil.
So ganz fremd war der Freistil damals in Mitteleuropa aber nicht, denn vereinzelte Turniere im klassischen Ringkampf wurden durch Kämpfe im Freistil ergänzt. Freilich war der Drang nach mehr Unterhaltung ab 1950 hier deutlich spürbarer geworden, denn die Masse wollte keinen klassischen Ringkampf mehr sehen. Dieser Stil hatte jedoch, seit der Pionierära des 19. Jahrhunderts, in Deutschland einen großen Erfolg gehabt. Natürlich brachten zwei Weltkriege einen Stillstand und große Umbrüche mit sich, die aber, was den deutschen Ringkampf betrifft, teilweise falsch eingeschätzt werden. Es gab keine langanhaltende Phase des Stillstands und bereits vor 1914 hatte sich in Mitteleuropa eine starke Szene etabliert. Dafür stehen die etlichen Turniere, die verstärkt nach 1900 einsetzen. Die Ära von Carl Abs hat praktisch das Interesse geweckt und seine Schüler machten daraus erst so richtig eine Profession. Michael Hitzler, Josef Haupt und Sebastian Miller bauten etwa in München eine Szene auf, Carl Jänecke in Hamburg, Jakob Koch im westlichen Raum.
Große Turniere in Paris, Mittel-und Osteuropa sprechen für eine gute, starke und durchgehend erfolgreiche Szene. Vielen ist die Existenz dieser Turniere und auch die Namen, die dort auftraten, nicht bekannt und man meint dann zu sagen, dass Europa keine große Bedeutung mehr hatte. Erfolg ist relativ und kann sich nicht nur an Zuschauerzahlen messen lassen. In den 30iger Jahren zog eine Weltmeisterschaft in Dresden rund 150.000 Zuschauer an. Die Europameisterschaften und Weltmeisterschaften im gr.-röm. Stil haben Europa in dieser Hinsicht stark gemacht.
Der große Unterschied zu den USA waren eben die Kampfrichtungen: Freistil (USA) und gr.-röm. (Europa). England dabei nicht einbezogen...
Die Annahme, dass sich nur der Freistil damals im Wrestling durchsetzen konnte, widerspricht dem, was sich in Europa wirklich über Jahrzehnte hatte durchsetzen können. Und das war der klassische Ringkampf, bis in den späten 40iger Jahren das Catchen zu uns kam. Aber diese Umstellung von klassisch auf Freistil dauerte nicht so lange, denn die ersten Zeltturniere im Catchen waren bereits ein voller Erfolg. Durchschnittlich 2000 bis 3000 Zuschauer - und das war später nicht anders. Als erfolgreichste Zeitspanne des Catchens kann man heute die 70iger und 80iger Jahre ansehen.
Das Argument, dass die beiden Weltkriege einen Standortnachteil begründen würden, ist eher nicht zutreffend. Bezogen auf die eigentlichen Kriegsjahre, wo man ja schlecht veranstalten konnte, trifft das zu, aber die Promoter verlagerten die Turniere kurzerhand in Zelte und das brachte den Durchbruch mit sich. Viele Veranstaltungshallen waren ja zerstört worden. Die Catch Shows in Zelten wurden von vielen Zeitzeugen als besser empfunden, als etwa eine Hallenshow.
Catcher/Wrestler und Promoter, die einen durchgehenden Erfolg in Mitteleuropa begründeten, gab es viele. Jakob Koch etwa, der den WM Titel 1902 und 1904 gewann und für sehr viele ein Vorbild war. Heinrich Eberle, Michael Hitzler, Georg Strenge, Paul Westergaard-Schmidt - die Reihe der bedeutenden Personen ist lang. Gustl Kaiser als Promoter etwa, der sehr viele große Turniere in Deutschland über mehr als 30 Jahre abhielt, und dabei sogar noch die internationale Elite booken konnte (Dick Beyer, Karl Gotch, Harold Sakata, Eduard Carpentier und etliche mehr....). Deutsche Veranstalter konnten den Erfolg des amerikanischen Wrestlings nicht überbieten, aber sie etablierten ihre lokale Szene, die sehr erfolgreich war. Das Business in Amerika konnte man auch schlecht überbieten. Alleine schon wegen der Anzahl der Promotions.
