19.06.2009, 21:26
Den nachfolgenden Text habe ich mal vor Jahren für ein historisches Projekt geschrieben. Ich hatte lange Zeit keine Verwendung für ihn und dachte, dass er vielleicht doch noch interessant ist.
Der Standringkampf in Deutschland - Die deutsche Turnerbewegung
Mit dem Niedergang des Deutschen Ritterordens und dem Ende des Mittelalters, verschwand im großen die Tradition von sportlichen Wettkämpfen in Deutschland. Aber auch in anderen Teilen Europas war bis ins 18.Jh. nicht viel geschehen, was den Ringkampf hätte weiterentwickeln können. Die jahrhundertelange Tradition war zuvor der Turnierkampf der Ritter. "Waffenspiele zu Pferd und zu Fuß" lieferten dem Menschen Unterhaltung, Sport und Tod. Das Turnier begann oft mit dem Schaukampf zweier Reitergruppen (Buchurt). Anschließend folgten Zweikämpfe der Reiter zu Pferd (Tjoste), wo der Gegner mit der Lanze aus dem Sattel gehoben oder an einer Körperstelle getroffen wurde. Das lief solange bis der berittende Gegner vom Pferd stürzte. Höhepunkte der Ritterturniere waren dann die Zweikämpfe mit Schwertern. Um die Verletzungsgefahr zu minimieren, werden die Schwerter im 13.Jh. abgerundet und die Lanzen bekamen Dreikanteisen. Was zur Sicherheit der Ritter bestimmt war, erwies sich als Irrtum. Turnierkämpfe endeten trotz dieser Maßnahmen oft mit dem Tod der Beteiligten. Der Kirche schienen solche Spiele suspekt zu sein, so dass sie im 12.Jh. ein vollkommenes Verbot forderte. Ritterspiele haben ihren Ursprung in Frankreich. An den Burgen des Adels, zunächst in Nordfrankreich, etablierten sich neue Erziehungsmethoden - zum größten Teil prägend für die jungen Männer. Diese ritterlichen Erziehungsmaßnahmen breiteten sich anschließend in ganz Europa aus. Und wurden zum festen Bestandteil des höfischen Lebens. Die ritterlichen Wettkämpfe erschienen in Deutschland erstmals im Jahre 1127.
Das Vorbild, die Kinder nach der neuen Ritterkultur zu erziehen, setzte im 12. und 13.Jh. ein. Bereits mit 7 Jahren müssen die Jungen als Pagen schuften. Sie werden dann einer jahrelangen Ausbildung unterworfen. In harten Unterrichtseinheiten lehrt man den Nachwuchs, sich den adeligen Lebensformen am Hofe anzupassen und in verschiedenen Sportdisziplinen zu bestehen, darunter: Fechten, Reiten und Schwimmen. Bis zum 21. Lebensjahr erfolgt die Ausbildung in Waffenkunde und Jagd. Künstlerische und musikalische Begabungen werden gefördert und gefordert. Die Ausbildung endet mit dem Ritterschlag. Die Ritterturniere dienten auch anderen Zwecken, als der Unterhaltung der Bevölkerung. Neben der Demonstration von Pferden und Waffen, wurden sie zur Wahrheitsfindung herangezogen. Der Ketzer konnte so der Lüge überführt werden. Etliche Menschen fallen diesem Wahn zum Opfer. Die erbitterten Schlachten zwischen den Rittern fanden im 16.Jh. ihren tragischen Höhepunkt. Im Jahr 1559 stirbt der französische König Heinrich II. bei einem Turnier. Die Lanze seines Gegners durchstach das Auge des Monarchen. Er musste sich noch Tage herumquälen bevor er starb. Der Tod von Heinrich II. löst das endgültige Verbot dieser Ritterspiele aus. Inoffiziell bestanden sie jedoch weiter.
Die Ritter machten schon damals das Ringen zu ihrer Perfektion. Es gehörte in Europa zu den sogenannten "sieben Behendigkeiten" des Rittertums. Das volkstümliche Ringen, vor allem in den unteren Schichten der Bevölkerung, wie den Bauern und Handwerkern, fand seine Blütezeit im 16.Jh.. Doch auch der Adel blieb nicht untätig: So waren schon um Mitte des 16.Jh. einige "Ringermeister" an den königlichen Residenzen unterwegs. Das lange Vergessen der Ringkampfkultur nach Ende des Rittertums schien überwunden zu sein, da kam der 30-Jährige Krieg. Wieder verschwand der Ringkampf für über 100 Jahre in der Versenkung. Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung und des Humanismus, fanden wieder einige Menschen Interesse am Ringen. Inspiriert wurde die Bevölkerung durch eine neue Bewegung der geistigen und körperlichen Erziehung.
Unter den Rittern und freien Bürgern jener Zeit, setzte sich zusehens der sogenannte "Gerichtskampf" durch. Bei komplizierten Streitigkeiten kam es dann zu regelrechten Kraftduellen zwischen den Parteien. Hierbei wurde auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückgeschreckt. Oft brutal und sinnlos, gab es bei diesen Kämpfen viele Tote. Die Streithähne vertrauten auf das Gottesurteil, wonach Gott demjenigen beistünde, auf dessen Seite das Recht wirklich ist. Die Kirche verstand sehr schnell, dass solche "Gerichtskämpfe" in der Wirklichkeit nichts zu suchen hatten und verbot sie schließlich im 13.Jh. Doch das hielt die Menschen nicht davon ab, sie trotzdem auszuführen. Kinder, Frauen und Alte konnten aber Gnade erhalten, indem sie einen Ritter gegen Entlohnung in den Kampf schickten.
Die Entwicklung des Ringkampfes war stark an die gesellschaftliche und politische Situation der Menschen geknüpft. Gab es Spannungen und Kriege, hatte das unmittelbare Auswirkungen auf Turniere und Wettkämpfe. Ritterspiele und sonstige sportliche Aktivitäten, besonders den Ringkampf, fand man nur noch vereinzelt an Akademien des Adels oder in Schulen des Jesuitenordens. Mit dem Erblühen der Städte zog die geistige Aktivität in die Stuben der Leute ein. Bücher über Bücher wurden geschrieben und es sollte aus dem Stadt- und Landmenschen gebildete Persönlichkeiten erschaffen werden. Ringkämpfe traten in Deutschland in den Hintergrund. Sie verschwanden allerdings nicht ganz und erschienen hier und da inoffiziell. Es gibt darüber aber kaum Aufzeichnungen, obwohl bereits im 15.Jh. erste Schriften über das Ringen entstanden sind, die sich von der Fechtkunst loslösten. Sehr frühe Schriften aus der Zeit kommen aus England und einige basierten noch auf den alten Grundlagen der Griechen. Diese Grundlagen spiegelten den "Standringkampf" wieder. Den professionellen Bodenringkampf kannte man bis ins 19.Jh. nicht. Die damaligen Regeln besagten, dass der Kampf gewonnen ist, sobald der Gegner dreimal in den Sand der Arena geworfen wurde. Griechische Athleten traten zu Beginn der "Olympischen Spiele" nackt an, daher auch die Bezeichnung "gymnos" (nackt). Als Bezeichnung für die Ausbildung in den Sportstätten der Griechen (Palästra) und dessen Trainingsmethoden, etablierte sich der Begriff "Gymnastik".
Der Standringkampf schwappte auch nach Deutschland über, als Folge der enormen griechischen Wanderungen unter Alexander dem Großen und den Spuren des Römischen Imperiums. In den Geist des Humanismus und der Aufklärung passte dieser Sport augenscheinlich nicht. Hierzulande bedeckte ein schwarzer Schleier die Zukunft des Ringens. Es existierte keine Plattform, wo man den Menschen hätte mehr präsentieren können. Sportliches Denken interessierte in der breiten Masse fast niemanden. Erste Versuche unternahmen zwar schon früh einige Schriftsteller im 15.Jh., aber den großen Durchbruch brachte das nicht. So genau lässt sich dies nicht zurückdatieren, da die Schriften die lange Zeit bis heute nicht mehr überstanden haben und verschollen sind. Noch frühere Schriften erschienen oft als Holzschnitte, auf denen die Kampfhandlungen der Athleten abgebildet waren. Noch bis heute erhaltene Zeugnisse spätmittelalterlicher Kampfkultur, sind die Schriften des deutschen Fechtmeisters Hans Thalhofer. Bereits im Jahre 1443 erschienen erste Darstellungen, auf denen Thalhofer mehr oder weniger die Fechtkunst erklärte. 1443 veröffentlichte er die erste Ausgabe seines Buches "Thalhofer's Fechtbuch". 1467 folgte eine weitere Ausgabe, diesmal als Bildhandschrift. Es handelt sich bei dieser Schrift wohl überhaupt um die erste ausführlich angelegte Ausarbeitung der europäischen Kampfkunst.
Dieses Buch ist bis heute eines der bekanntesten Werke aus dem Mittelalter. Thalhofer selbst war ein Meister seines Fachs, der die Ritter und Adeligen Landsleute mit dem Geist des Fechtens ansteckte. In dem Fechtbuch sind deutliche Kampfpositionen zu erkennen. Jedoch setzte Thalhofer schon gewisse Kenntnisse voraus, so dass es dem jeweiligen Betrachter schwer fällt, genaue Bewegungsabläufe zu interpretieren. Nicht zuletzt verfolgte er mit den Schriften auch das Ziel, gerade für seine Kampfesweise und Ausbildung Werbung zu betreiben. Das schaffte er im großen Rahmen mit den Lehrbüchern. Thalhofer wurde zum größten Fechtmeister der damaligen Zeit, und war an der Weiterentwicklung des Schwertkampfes entscheidend mitbeteiligt. Der Schwertkunst kam ein besonderes Interesse im mittelalterlichen Deutschland zu. Zusammen mit dem Fechten und Ringen kristallisierten sich neue Kampfstile heraus. Mehr oder weniger vermischten sie sich, blieben jedoch auch alleine existent.
[Bild: http://www.fuhrmann-figuren.de/literatur/t6.gif]
Kampfszene aus Thalhofer's Fechtbuch
Auch wenn diese Zeichnungen nicht mehr dem Geist der Zeit entsprechen, und darüber hinaus noch primitiv und witzig aussehen, sind sie kulturhistorisch umso bedeutender. Den Kontrahenten erging es freilich nicht gut, wenn der Stoß mit dem Schwert das Ziel wirklich erreichte. Für den nun sehr lange zurückliegenden Zeitraum wussten die Kämpfer schon ziemlich viel über ihre Kunst. Nicht wenige entwickelten sie auch tatsächlich zur Perfektion. Thalhofers Zeichnungen zeigen eindeutige Griff-und Kampfpositionen. 268 Tafeln zeigen dem Interessenten, mit welchen Waffen die Kämpfer bestückt waren. Zum häufigen Einsatz kamen Keulen, Schilder, Schwerter, Dolche, Äxte. Gleichfalls kämpfte man auf dem Pferd oder zu Fuss.
Bis ins 15.Jh. hinein betrachtete man die Ring- und Fechtkunst als einheitlich. Und so erschienen eine ganze Reihe von Werken über Ringen und Fechten. Selbst Künstler und Wissenschaftler entdeckten den Ringkampf. Sie machten sich so ihre eigenen Gedanken. Einen weiteren nennenswerten Versuch, den Ringkampf bekannter und interessanter zu gestalten, versuchte 1512 Albrecht Dürer mit der "Fechthandschrift". Dürer zeichnete die Darstellungen so detailreich, dass er offenbar selbst den Ringkampf ausübte. In Albrecht Dürers Zeiten koppelten manche Schriftsteller die Ringkunst ab und verfassten eigene Lehrbücher zum Thema Ringen. Auch am Hofe des sächsischen Kurfürsten Ernst lebte ein Mann, der sich so seine Gedanken um die Ring- und Fechtkunst machte, Fabian von Auerswald (1462-1541). Er verfasste 1537 in Wittenberg ein Ringbuch mit dem Titel "Ringerkunst". Die erste Auflage erschien als Holzschnittwerk und wurde 1539 beim Wittenberger Buchdrucker Hans Lufft veröffentlicht. Das Buch zeigt 85 Darstellungen über Griffe und Würfe. Die nachfolgenden Auflagen bearbeiteten die Buchdrucker G.A. Schmidt und K. Waffmansdorff. Vermutlich zeichnete Lucas Cranach einige dieser Bilder selbst nach. Auerswald orientierte sich an den Lehren des Adels und an den Ringermeistern, die schon am Hofe des Kurfürsten kämpften. Es waren oft junge Fürsten, die sich im Ringen und Fechten ausbilden liesen. In wenigen Worten, dafür aber mit vielen bildhaften Darstellungen, schilderte er das Wesen des Zweikampfes - und hier speziell des Ringens. Auerswald studierte urzeitlich erhaltene Schriften der Griechen. Er sammelte auf seinen Reisen durchs Land mehr Erfahrungen, vor allem als er in Kontakt mit frühzeitlichen Kraftathleten kam. Dürer und Auerswald konnten allerdings nicht wesentlich viel erreichen, um das Ringen besser in die Gesellschaft zu integrieren. Hierzulande fand es bis ins 19.Jh. hinein nicht den Zuspruch, wie in England oder Frankreich. Aber sie unternahmen den Versuch die ersten Lehrbücher zu verfassen. Auf diese Schriften kann bis heute zurückgegriffen werden. Und bereits damals waren die Verfasser mit außerordentlichen Kenntnissen vertraut. Diese Schriften mögen nicht mehr das verkörpern, was wir uns heute vorstellen. Es war ja damals nicht soviel bekannt gewesen. Von daher wirken manche dieser Zeichungen etwas suspekt und komisch.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Basedow_200x287.jpg]
Johann Bernhard Basedow
[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co...lzmann.jpg]
Christian Gotthilf Salzmann
Was Auerswald nicht schaffte, konnten dann 200 Jahre später die Philantropen (Menschenfreunde) erreichen. Sie hielten nicht mehr an den Grundsätzen fest, den Körper vom Geist zu trennen. Ihre Basis lag ebenfalls im Humanismus und in der Aufklärung begründet. Philantropen suchten stets das Gute im Menschen. Sie hatten den Gedanken nach einer Reformbewegung in Deutschland, was den Geist der Erziehung und den Umgang miteinander betraf. Im Angesicht des Philantrophismus sollte aus dem Kind ein Menschenfreund erschaffen werden. Gerade die Vernunft stand dabei an oberster Stelle. Sie verhalf zu einer anständigen Erziehung, so die Meinung der Philantropen. In diesem Erziehungskonzept spiegelt sich das wieder, was der Mensch als Notwendigkeit erachtet. Nur durch gezielte und direkte Unterweisung der Kinder können dessen Begabungen gefördert werden. Dabei ist es wichtig liebe-und verständnisvoll auf das Kind einzuwirken. Im Bereich der Philantropen existierten mehrere Modelle solcher Erziehungsmethoden. Der Großteil dieser Reformer, auf dem Gebiet der Pädagogik, erkannte die wichtige Rolle des Sports in der Gesellschaft. Sie waren es, die den Geist zur sportlichen Erziehung eröffneten. Doch nicht nur die geistige Lehre um mehr Wissen und Bildung stand in ihrem Mittelpunkt. Den Fortschritt sahen sie nur dann vollkommen ausgereift, wenn der Mensch geistig, körperlich, selbstbewußt und tatkräftig erzogen würde. Der eigentliche Schlüssel zur Erziehung ist der Leib des Menschen selbst. Gut 200 Jahre währte der Dornröschenschlaf des Ringkampfes in weiten Teilen Deutschlands. Woran lag das? Anders als in England gab es in Deutschland große Gegensätze zwischen Stadt und Land. Der Stadtmensch hierzulande war ein vollkommen anderer geistiger und soziologischer Typus, als der Landmensch. Eine Art neuer Bildungsidealismus kam in den Städten auf und erfasste auch die unteren Schichten der Bevölkerung. Den Städten interessierte jedoch mehr das Lokalpolitische als das Staatspolitische. In England hatte nahezu jede soziale Schicht ihren nationalen Sport. Dieser hatte meist eine jahrhundertelange Tradition und war tief verwurzelt. In den deutschen Städten setzte sich ein Übermaß an Klugheit und Bildung durch. Noch gab es keinen, der den Versuch unternahm, den Sport aufblühen zu lassen.
Der Standringkampf in Deutschland - Die deutsche Turnerbewegung
Mit dem Niedergang des Deutschen Ritterordens und dem Ende des Mittelalters, verschwand im großen die Tradition von sportlichen Wettkämpfen in Deutschland. Aber auch in anderen Teilen Europas war bis ins 18.Jh. nicht viel geschehen, was den Ringkampf hätte weiterentwickeln können. Die jahrhundertelange Tradition war zuvor der Turnierkampf der Ritter. "Waffenspiele zu Pferd und zu Fuß" lieferten dem Menschen Unterhaltung, Sport und Tod. Das Turnier begann oft mit dem Schaukampf zweier Reitergruppen (Buchurt). Anschließend folgten Zweikämpfe der Reiter zu Pferd (Tjoste), wo der Gegner mit der Lanze aus dem Sattel gehoben oder an einer Körperstelle getroffen wurde. Das lief solange bis der berittende Gegner vom Pferd stürzte. Höhepunkte der Ritterturniere waren dann die Zweikämpfe mit Schwertern. Um die Verletzungsgefahr zu minimieren, werden die Schwerter im 13.Jh. abgerundet und die Lanzen bekamen Dreikanteisen. Was zur Sicherheit der Ritter bestimmt war, erwies sich als Irrtum. Turnierkämpfe endeten trotz dieser Maßnahmen oft mit dem Tod der Beteiligten. Der Kirche schienen solche Spiele suspekt zu sein, so dass sie im 12.Jh. ein vollkommenes Verbot forderte. Ritterspiele haben ihren Ursprung in Frankreich. An den Burgen des Adels, zunächst in Nordfrankreich, etablierten sich neue Erziehungsmethoden - zum größten Teil prägend für die jungen Männer. Diese ritterlichen Erziehungsmaßnahmen breiteten sich anschließend in ganz Europa aus. Und wurden zum festen Bestandteil des höfischen Lebens. Die ritterlichen Wettkämpfe erschienen in Deutschland erstmals im Jahre 1127.
Das Vorbild, die Kinder nach der neuen Ritterkultur zu erziehen, setzte im 12. und 13.Jh. ein. Bereits mit 7 Jahren müssen die Jungen als Pagen schuften. Sie werden dann einer jahrelangen Ausbildung unterworfen. In harten Unterrichtseinheiten lehrt man den Nachwuchs, sich den adeligen Lebensformen am Hofe anzupassen und in verschiedenen Sportdisziplinen zu bestehen, darunter: Fechten, Reiten und Schwimmen. Bis zum 21. Lebensjahr erfolgt die Ausbildung in Waffenkunde und Jagd. Künstlerische und musikalische Begabungen werden gefördert und gefordert. Die Ausbildung endet mit dem Ritterschlag. Die Ritterturniere dienten auch anderen Zwecken, als der Unterhaltung der Bevölkerung. Neben der Demonstration von Pferden und Waffen, wurden sie zur Wahrheitsfindung herangezogen. Der Ketzer konnte so der Lüge überführt werden. Etliche Menschen fallen diesem Wahn zum Opfer. Die erbitterten Schlachten zwischen den Rittern fanden im 16.Jh. ihren tragischen Höhepunkt. Im Jahr 1559 stirbt der französische König Heinrich II. bei einem Turnier. Die Lanze seines Gegners durchstach das Auge des Monarchen. Er musste sich noch Tage herumquälen bevor er starb. Der Tod von Heinrich II. löst das endgültige Verbot dieser Ritterspiele aus. Inoffiziell bestanden sie jedoch weiter.
Die Ritter machten schon damals das Ringen zu ihrer Perfektion. Es gehörte in Europa zu den sogenannten "sieben Behendigkeiten" des Rittertums. Das volkstümliche Ringen, vor allem in den unteren Schichten der Bevölkerung, wie den Bauern und Handwerkern, fand seine Blütezeit im 16.Jh.. Doch auch der Adel blieb nicht untätig: So waren schon um Mitte des 16.Jh. einige "Ringermeister" an den königlichen Residenzen unterwegs. Das lange Vergessen der Ringkampfkultur nach Ende des Rittertums schien überwunden zu sein, da kam der 30-Jährige Krieg. Wieder verschwand der Ringkampf für über 100 Jahre in der Versenkung. Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung und des Humanismus, fanden wieder einige Menschen Interesse am Ringen. Inspiriert wurde die Bevölkerung durch eine neue Bewegung der geistigen und körperlichen Erziehung.
Unter den Rittern und freien Bürgern jener Zeit, setzte sich zusehens der sogenannte "Gerichtskampf" durch. Bei komplizierten Streitigkeiten kam es dann zu regelrechten Kraftduellen zwischen den Parteien. Hierbei wurde auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückgeschreckt. Oft brutal und sinnlos, gab es bei diesen Kämpfen viele Tote. Die Streithähne vertrauten auf das Gottesurteil, wonach Gott demjenigen beistünde, auf dessen Seite das Recht wirklich ist. Die Kirche verstand sehr schnell, dass solche "Gerichtskämpfe" in der Wirklichkeit nichts zu suchen hatten und verbot sie schließlich im 13.Jh. Doch das hielt die Menschen nicht davon ab, sie trotzdem auszuführen. Kinder, Frauen und Alte konnten aber Gnade erhalten, indem sie einen Ritter gegen Entlohnung in den Kampf schickten.
Die Entwicklung des Ringkampfes war stark an die gesellschaftliche und politische Situation der Menschen geknüpft. Gab es Spannungen und Kriege, hatte das unmittelbare Auswirkungen auf Turniere und Wettkämpfe. Ritterspiele und sonstige sportliche Aktivitäten, besonders den Ringkampf, fand man nur noch vereinzelt an Akademien des Adels oder in Schulen des Jesuitenordens. Mit dem Erblühen der Städte zog die geistige Aktivität in die Stuben der Leute ein. Bücher über Bücher wurden geschrieben und es sollte aus dem Stadt- und Landmenschen gebildete Persönlichkeiten erschaffen werden. Ringkämpfe traten in Deutschland in den Hintergrund. Sie verschwanden allerdings nicht ganz und erschienen hier und da inoffiziell. Es gibt darüber aber kaum Aufzeichnungen, obwohl bereits im 15.Jh. erste Schriften über das Ringen entstanden sind, die sich von der Fechtkunst loslösten. Sehr frühe Schriften aus der Zeit kommen aus England und einige basierten noch auf den alten Grundlagen der Griechen. Diese Grundlagen spiegelten den "Standringkampf" wieder. Den professionellen Bodenringkampf kannte man bis ins 19.Jh. nicht. Die damaligen Regeln besagten, dass der Kampf gewonnen ist, sobald der Gegner dreimal in den Sand der Arena geworfen wurde. Griechische Athleten traten zu Beginn der "Olympischen Spiele" nackt an, daher auch die Bezeichnung "gymnos" (nackt). Als Bezeichnung für die Ausbildung in den Sportstätten der Griechen (Palästra) und dessen Trainingsmethoden, etablierte sich der Begriff "Gymnastik".
Der Standringkampf schwappte auch nach Deutschland über, als Folge der enormen griechischen Wanderungen unter Alexander dem Großen und den Spuren des Römischen Imperiums. In den Geist des Humanismus und der Aufklärung passte dieser Sport augenscheinlich nicht. Hierzulande bedeckte ein schwarzer Schleier die Zukunft des Ringens. Es existierte keine Plattform, wo man den Menschen hätte mehr präsentieren können. Sportliches Denken interessierte in der breiten Masse fast niemanden. Erste Versuche unternahmen zwar schon früh einige Schriftsteller im 15.Jh., aber den großen Durchbruch brachte das nicht. So genau lässt sich dies nicht zurückdatieren, da die Schriften die lange Zeit bis heute nicht mehr überstanden haben und verschollen sind. Noch frühere Schriften erschienen oft als Holzschnitte, auf denen die Kampfhandlungen der Athleten abgebildet waren. Noch bis heute erhaltene Zeugnisse spätmittelalterlicher Kampfkultur, sind die Schriften des deutschen Fechtmeisters Hans Thalhofer. Bereits im Jahre 1443 erschienen erste Darstellungen, auf denen Thalhofer mehr oder weniger die Fechtkunst erklärte. 1443 veröffentlichte er die erste Ausgabe seines Buches "Thalhofer's Fechtbuch". 1467 folgte eine weitere Ausgabe, diesmal als Bildhandschrift. Es handelt sich bei dieser Schrift wohl überhaupt um die erste ausführlich angelegte Ausarbeitung der europäischen Kampfkunst.
Dieses Buch ist bis heute eines der bekanntesten Werke aus dem Mittelalter. Thalhofer selbst war ein Meister seines Fachs, der die Ritter und Adeligen Landsleute mit dem Geist des Fechtens ansteckte. In dem Fechtbuch sind deutliche Kampfpositionen zu erkennen. Jedoch setzte Thalhofer schon gewisse Kenntnisse voraus, so dass es dem jeweiligen Betrachter schwer fällt, genaue Bewegungsabläufe zu interpretieren. Nicht zuletzt verfolgte er mit den Schriften auch das Ziel, gerade für seine Kampfesweise und Ausbildung Werbung zu betreiben. Das schaffte er im großen Rahmen mit den Lehrbüchern. Thalhofer wurde zum größten Fechtmeister der damaligen Zeit, und war an der Weiterentwicklung des Schwertkampfes entscheidend mitbeteiligt. Der Schwertkunst kam ein besonderes Interesse im mittelalterlichen Deutschland zu. Zusammen mit dem Fechten und Ringen kristallisierten sich neue Kampfstile heraus. Mehr oder weniger vermischten sie sich, blieben jedoch auch alleine existent.
[Bild: http://www.fuhrmann-figuren.de/literatur/t6.gif]
Kampfszene aus Thalhofer's Fechtbuch
Auch wenn diese Zeichnungen nicht mehr dem Geist der Zeit entsprechen, und darüber hinaus noch primitiv und witzig aussehen, sind sie kulturhistorisch umso bedeutender. Den Kontrahenten erging es freilich nicht gut, wenn der Stoß mit dem Schwert das Ziel wirklich erreichte. Für den nun sehr lange zurückliegenden Zeitraum wussten die Kämpfer schon ziemlich viel über ihre Kunst. Nicht wenige entwickelten sie auch tatsächlich zur Perfektion. Thalhofers Zeichnungen zeigen eindeutige Griff-und Kampfpositionen. 268 Tafeln zeigen dem Interessenten, mit welchen Waffen die Kämpfer bestückt waren. Zum häufigen Einsatz kamen Keulen, Schilder, Schwerter, Dolche, Äxte. Gleichfalls kämpfte man auf dem Pferd oder zu Fuss.
Bis ins 15.Jh. hinein betrachtete man die Ring- und Fechtkunst als einheitlich. Und so erschienen eine ganze Reihe von Werken über Ringen und Fechten. Selbst Künstler und Wissenschaftler entdeckten den Ringkampf. Sie machten sich so ihre eigenen Gedanken. Einen weiteren nennenswerten Versuch, den Ringkampf bekannter und interessanter zu gestalten, versuchte 1512 Albrecht Dürer mit der "Fechthandschrift". Dürer zeichnete die Darstellungen so detailreich, dass er offenbar selbst den Ringkampf ausübte. In Albrecht Dürers Zeiten koppelten manche Schriftsteller die Ringkunst ab und verfassten eigene Lehrbücher zum Thema Ringen. Auch am Hofe des sächsischen Kurfürsten Ernst lebte ein Mann, der sich so seine Gedanken um die Ring- und Fechtkunst machte, Fabian von Auerswald (1462-1541). Er verfasste 1537 in Wittenberg ein Ringbuch mit dem Titel "Ringerkunst". Die erste Auflage erschien als Holzschnittwerk und wurde 1539 beim Wittenberger Buchdrucker Hans Lufft veröffentlicht. Das Buch zeigt 85 Darstellungen über Griffe und Würfe. Die nachfolgenden Auflagen bearbeiteten die Buchdrucker G.A. Schmidt und K. Waffmansdorff. Vermutlich zeichnete Lucas Cranach einige dieser Bilder selbst nach. Auerswald orientierte sich an den Lehren des Adels und an den Ringermeistern, die schon am Hofe des Kurfürsten kämpften. Es waren oft junge Fürsten, die sich im Ringen und Fechten ausbilden liesen. In wenigen Worten, dafür aber mit vielen bildhaften Darstellungen, schilderte er das Wesen des Zweikampfes - und hier speziell des Ringens. Auerswald studierte urzeitlich erhaltene Schriften der Griechen. Er sammelte auf seinen Reisen durchs Land mehr Erfahrungen, vor allem als er in Kontakt mit frühzeitlichen Kraftathleten kam. Dürer und Auerswald konnten allerdings nicht wesentlich viel erreichen, um das Ringen besser in die Gesellschaft zu integrieren. Hierzulande fand es bis ins 19.Jh. hinein nicht den Zuspruch, wie in England oder Frankreich. Aber sie unternahmen den Versuch die ersten Lehrbücher zu verfassen. Auf diese Schriften kann bis heute zurückgegriffen werden. Und bereits damals waren die Verfasser mit außerordentlichen Kenntnissen vertraut. Diese Schriften mögen nicht mehr das verkörpern, was wir uns heute vorstellen. Es war ja damals nicht soviel bekannt gewesen. Von daher wirken manche dieser Zeichungen etwas suspekt und komisch.
[Bild: http://www.wwf4ever.de/team/ronald/Basedow_200x287.jpg]
Johann Bernhard Basedow
[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co...lzmann.jpg]
Christian Gotthilf Salzmann
Was Auerswald nicht schaffte, konnten dann 200 Jahre später die Philantropen (Menschenfreunde) erreichen. Sie hielten nicht mehr an den Grundsätzen fest, den Körper vom Geist zu trennen. Ihre Basis lag ebenfalls im Humanismus und in der Aufklärung begründet. Philantropen suchten stets das Gute im Menschen. Sie hatten den Gedanken nach einer Reformbewegung in Deutschland, was den Geist der Erziehung und den Umgang miteinander betraf. Im Angesicht des Philantrophismus sollte aus dem Kind ein Menschenfreund erschaffen werden. Gerade die Vernunft stand dabei an oberster Stelle. Sie verhalf zu einer anständigen Erziehung, so die Meinung der Philantropen. In diesem Erziehungskonzept spiegelt sich das wieder, was der Mensch als Notwendigkeit erachtet. Nur durch gezielte und direkte Unterweisung der Kinder können dessen Begabungen gefördert werden. Dabei ist es wichtig liebe-und verständnisvoll auf das Kind einzuwirken. Im Bereich der Philantropen existierten mehrere Modelle solcher Erziehungsmethoden. Der Großteil dieser Reformer, auf dem Gebiet der Pädagogik, erkannte die wichtige Rolle des Sports in der Gesellschaft. Sie waren es, die den Geist zur sportlichen Erziehung eröffneten. Doch nicht nur die geistige Lehre um mehr Wissen und Bildung stand in ihrem Mittelpunkt. Den Fortschritt sahen sie nur dann vollkommen ausgereift, wenn der Mensch geistig, körperlich, selbstbewußt und tatkräftig erzogen würde. Der eigentliche Schlüssel zur Erziehung ist der Leib des Menschen selbst. Gut 200 Jahre währte der Dornröschenschlaf des Ringkampfes in weiten Teilen Deutschlands. Woran lag das? Anders als in England gab es in Deutschland große Gegensätze zwischen Stadt und Land. Der Stadtmensch hierzulande war ein vollkommen anderer geistiger und soziologischer Typus, als der Landmensch. Eine Art neuer Bildungsidealismus kam in den Städten auf und erfasste auch die unteren Schichten der Bevölkerung. Den Städten interessierte jedoch mehr das Lokalpolitische als das Staatspolitische. In England hatte nahezu jede soziale Schicht ihren nationalen Sport. Dieser hatte meist eine jahrhundertelange Tradition und war tief verwurzelt. In den deutschen Städten setzte sich ein Übermaß an Klugheit und Bildung durch. Noch gab es keinen, der den Versuch unternahm, den Sport aufblühen zu lassen.
