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Der Standringkampf in Deutschland - Die deutsche Turnerbewegung
#2
In der zweiten Hälfte des 18.Jh. tauchten Persönlichkeiten auf, die dem sportlichen Teil mehr Interesse zu kommen ließen. Allem voran die Philantropen Johann Bernhard Basedow und Christian Gotthilf Salzmann. Den pädagogischen Geist eröffneten Ende des 18.Jh. Johann Heinrich Pestalozzi und Johann Gottlieb Fichte. Die großen Denker, die den Sport in dieser Zeit veränderten, waren Johann Christoph Friedrich GutsMuths, Gerhard Vieth und der streitbare und widersprüchliche Friedrich Ludwig Jahn. Das Vorbild für ihre Denkweise lieferten die Philantropen. Neue Begriffe etablierten sich im Sprachgebrauch, darunter "Leibesübungen" und "Körperertüchtigungen". Es fehlte aber noch an Unterrichtsmöglichkeiten, da bisher niemand groß auf die sportliche Erziehung setzte. Den ersten Schritt lieferte Johann Bernhard Basedow, der in Dessau das "Philanthropin" gründete. Das war die erste öffentliche Schule in Deutschland, wo man den Sinn und Zweck der Körperübungen erkannte. Hier gab es für die Schüler erstmals sportliche Elemente, die in den Unterricht einbezogen wurden. Basedow orientierte sich an der Philosophie von Jean-Jacques Rousseau. Er erkannte rechtzeitig, das der Sport ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung ist. In seiner Schrift "Elementarwerk" zeichnete er eine Vielzahl von Körperübungen auf.

Große Bekanntheit erzielte der "Dessauer Fünfkampf". In ihm verband man Laufen, Springen, Klettern, Tragen und Balancieren zu einem einheitlichen System. Basedow kam 1771 nach Dessau und begann mit dem Aufbau des Philanthropins. 1774 wurde es eröffnet. Doch bereits 1793 musste man die Einrichtung wieder schließen. Hauptsächlich wegen finanzieller Probleme, Mißverständnissen unter den Lehrern sowie eine undurchsichtige Organisationsstruktur. Basedows Ziele standen im gleichen Sinne, wie die des Philanthropismus. In der Zeitspanne der Aufklärung setzte eine neue Erziehung ein, die den Charakter einer Volksbewegung annahm. Mit dem Menschen als Mittelpunkt sollten Veränderungen in der Gesellschaft eintreten. In Basedows Schule sollten die Menschen nun nach dem Bild der Aufklärung erzogen werden, egal welcher Herkunft sie waren. Die Vermittlung von speziellen Kenntnissen hatte mehr Priorität als nur die Lehre vom Allgemeinwissen. In der Praxis sah das allerdings anders aus. Nur zwei Jahre nach Eröffnung trat Basedow 1776 als Leiter zurück. An der Durchsetzung seiner Ziele ist er gescheitert, wohl auch, weil er als Choleriker galt und alles genau nahm. Doch schaffte Basedow es wenigstens den Gedanken nach derartigen Erziehungsmethoden aufleben zu lassen. Basedows Vorgehensweise beeinflußte ebenfalls den Philantrophen Christian Gotthilf Salzmann. Als Mitarbeiter an der Schule in Dessau wirkte Salzmann mit, am Aufbau einer neuen Reformbewegung. Hier sammelte er Erfahrungen, die ihm später den Erfolg als Pädagoge eröffneten. In Schnepfenthal bei Gotha gründete er 1784 die "Schnepfenthaler Erziehungsanstalt" nach dem Vorbild aus Dessau.

Die Zielsetzungen der Philantropen bestanden auch darin, das Schulsystem zu reformieren. Die nach ihrer Philosophie gestützte "naturgemäße Erziehung" des Kindes, geht vielfach auf Grundlagen des französischen Philosophen Rousseau zurück. Basedow erreichte gerade im Philanthropin, dass die pädagogischen Vorstellungen an die Schüler vermittelt werden konnten. Die Musterschule in Dessau war das spätere Vorbild vieler Schulen in Deutschland. Nach Basedow sei allerdings eine vernünftige Erziehung des Kindes nur zu erreichen, in dem diesem Weltoffenheit, Erwerbssinn und Tüchtigkeit im Beruf vermittelt werden würde. Die geistige und körperliche Erziehung muss zusammenlaufen, und darf sich nicht auseinanderbewegen. Was Basedow da in Dessau wirklich leistete, bemerkten viele Leute erst Jahre später, als sich diese Erziehungsmethoden in anderen Schulen verbreiteten. Zusammen mit Salzmann hatte Basedow großen Anteil daran gehabt, dass sich letztendlich auch mehr Menschen mit dem Sport beschäftigten. Der Initiator einer ganzen Bewegung starb 1790 in Magdeburg. Sein Erbe führte Salzmann weiter, der lange in der Schule in Dessau arbeitete. Er wurde zu einem weiteren Vordenker der Zeit.

Die Schriften der Philantrophen des 18. und 19.Jh., zogen einen Kreis von sportlich interessierten Menschen an. In den Köpfen entstand sozusagen ein Bewußtsein für den Sport. Die Menschen erkannten, das körperliche Ertüchtigung das Wohlbefinden steigert und nicht, wie von manchen angenommen, nur schwächt. In diesem Zusammenhang spielten die Philantropen zwar eine große Rolle, dass Einsetzen der "Ringerbewegung" im 19.Jh. ist allerdings mehr den Turnvätern GutsMuths und Jahn zu verdanken.

In der Bevölkerung konstituierte sich Anfang des 19.Jh. eine Widerstandsbewegung, die für den Freiheitskampf gegen Napoleon aufrief. Erst allmählich kam dieser Widerstand in Bewegung. Die stärksten Auswüchse fanden sich bei den Turnern, Burschen und Studenten. Wenig von diesem Widerstand überzeugt war ein Mann, der bei Salzmann in der Erziehungsanstalt arbeitete, der Turnpädagoge Johann Christoph Friedrich GutsMuths.

Auf seinen Lehren basiert das Zeitalter der Turnerei. Das Wort "Turnen" existierte vorher gar nicht und wurde erst durch Friedrich Ludwig Jahn eingeführt. Turnen bezog sich auf den Begriff "Turnier-Turnei" und sollte an die Ritterturniere aus dem Mittelalter erinnern. Unter dem Grundsatz der vier "F"-frisch,fromm,fröhlich,frei- entstand aus der Turnerei eine Volksbewegung, die fast jedem Widerstand trotzte, die Turnerbewegung. Zu ihren Pionieren wurden Salzmann und der 1759 in Quedlinburg geborene GutsMuths. GutsMuths wirkte über 40 Jahre lang an der Erziehungsanstalt Schnepfenthal und er war ein bedeutender Pädagoge. Er befasste sich schon früh mit dem Sport und dessen Philosophie. Seine Schriften wurden zu Standardwerken der Sportliteratur. 1786 führte ihn Salzmann in den Gymnastikunterricht ein. Für GutsMuths war das eine lehrhafte Erfahrung, die er der Nachwelt in Wort und Schrift festhielt. Er sah in dem Begriff Gymnastik die Gesamtheit der Leibesübungen, die einen pädagogischen Nutzen hatten und zur Erziehung beitragen konnten. Mit einbezogen wurde darin auch das Diskuswerfen und die Geräteübungen aus früher Zeit. Die vollkommene Beherrschung der Körpererziehung sei nur möglich, durch die Forderung nach mehr Leistung sowie dem Ausbau des Wettkampfes. Im Mittelpunkt der Gymnastik stehen Kraft, Ausdauer und Gewandheit. Durch die erzieherische Einwirkung auf die Schüler mit dem Ziel nach mehr Selbsttätigkeit, schafft man günstige Voraussetzungen für den Eintritt und dem Erfolg im Sport. Die geistige Entwicklung der Menschen sei abhängig von der körperlichen. GutsMuths, ein energischer und zielstrebiger Geselle, studierte unermüdlich die Sportarten. Er war sich bewußt, dass die Körpererziehung die Eigenschaften des Menschen schon früh beeinflußen kann. Wer in der Kindheit Kraft, Ausdauer und Gewandheit fördert, der zieht im Alter einen großen Nutzen daraus. Sein Grundsatz lautete: "Die Erziehung gedeihet am besten im Schoße der Natur." Den Gedanken der Leibesübungen verfolgte er weiter und veröffentlichte 1793 das erste deutsche Lehrbuch der Turnkunst "Gymnastik für die Jugend". Hier erarbeitete er Trainingsvorlagen aus und gab erste Anregungen für den Ringkampf.

Seine Schüler unterwies er in zahlreichen Unterrichtseinheiten mit dem Wesen des Ringkampfes. Dabei kamen natürlich auch die anderen Sportdisziplinen nicht zu kurz. Angeregt durch französische Kraftathleten, begann sich GutsMuths mit dem Bodenringkampf auseinanderzusetzen. Und genau in dieser Schrift "Gymnastik für die Jugend", gab er erste Anregungen in Papierform weiter. Ein Eintrag in diesem Buch vermittelte bereits den Hinweis, dass GutsMuths' Schüler schon im Bodenringkampf ausgebildet wurden.
Er schrieb:

"Beide Ringenden legen es unaufhörlich darauf an, sich fortzudrängen, vom Boden zu heben, niederzuwerfen, am Boden festzuhalten, ohne das der Gegner es weiß, was der andere in diesem Augenblicke vorzunehmen willens ist. Er muß folglich seine Achtsamkeit und Geistesgegenwart, sein Geschick, seine Kraft verdoppeln, um ihm die gehörigen Paraden augenblicklich entgegenzusetzen. Wer zuerst ermattet, ist des Sieges verlustig".

Wie in Deutschland, so etablierte sich auch in Frankreich zunächst der Standringkampf. Er beinhaltete zwar noch einige Variationen aus der Antike, mittlerweile hatte man ihn aber stark an die Begebenheiten der Zeit angepasst. Da die Franzosen schon von vornerein mehr Kraftathleten hatten als die Deutschen, machte der Bodenringkampf schnell Schule. Schon Mitte des 19.Jh. kristallisierten sich erste Wälztechniken heraus. Obwohl es noch eine ganze Weile dauerte, bis die Wälzform endgültig in den Standringkampf integriert wurde, hatten die Franzosen schon längst in ihren Ringerschulen Pionierarbeit geleistet. Das Buch Gymnastik für die Jugend erreichte schnell eine große Anzahl von Schülern, auch im Ausland. Selbst viele Lehrer, Sportler und sonstige Leute warfen ein scharfes Auge darauf, was da in Schnepfenthal passierte. Dem Turnvater GutsMuths hat die Nachwelt aber noch etwas anderes zu verdanken, den Geist der Olympischen Spiele der Neuzeit. Er war der Erste, der 1793 in der Gymnastik für die Jugend die Erneuerung dieser Spiele anregte. Auf seinen Spuren begab sich um 1889 der französische Baron Pierre de Coubertin. Coubertin war es schließlich, der 1896 in Athen die Olympischen Spiele der Neuzeit seit dem antiken Ende zurückholte.

GutsMuths, der eigentliche Vorreiter des Turnens, wurde schon zu Lebzeiten von den Schriften älterer Ringer beeinflusst. Eine von diesen Schriften war das Buch des namhaften Ringers Nicolaus Petter, das 1674 in Amsterdam erschien. Inspiriert von den Beschreibungen Petters, versuchte GutsMuths die alten Traditionen des Ringens in sein Trainingskonzept einzubeziehen. Wie sich dann herausstellte, gelang es ihm sogar sehr gut. In Salzmanns Erziehungsanstalt in Schnepfenthal blühte das Ringen auf. Petters Buch "Verständlicher Unterricht in der vortrefflichen Ringerkunst" beschrieb das Ringen aber mehr als Raufkunst. Hier in Schnepfenthal beginnt die Geschichte vieler Athleten. Denn niemand geringeres als der Turnvater GutsMuths versammelte viele Schüler um sich, um sie die Kunst des Ringens zu lehren. Dabei hat GutsMuths damals selbst unter einfachsten Bedingungen angefangen. Er musste sich erst alles anlesen und Nachforschungen betreiben, um überhaupt in das Ringen einzusteigen.

1796 folgte das Buch "Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes". In diesen Schriften verband GutsMuths die von Basedow und Salzmann eröffneten Bestrebungen, den Menschen mit Hilfe verschiedener Erziehungsmethoden zu bilden. Sein Ziel bestand darin, den jungen Teil der Bevölkerung für die Turnkunst zu begeistern und ihnen das zu geben was sie brauchten, Theorie und Praxis. Für GutsMuths war es wichtig, dass der Mensch sich einer regelmäßigen Sportbetätigung unterziehen konnte und es sollte vor allem viel Raum dafür geschaffen werden. Durch die Bücher/Schriften zur Turnkunst eröffneten sich nun mehr Möglichkeiten, das Turnen interessanter zu gestalten. Mit der Schrift "Mechanische Nebenbetätigungen für Jünglinge und Männer" 1801, vervollständigte GutsMuths den Gedanken zur Einführung einer übergreifenden Gymnastik auf alle Bevölkerungsschichten. GutsMuths' Leben bestimmte die Erziehung, der Sport und die Wissenschaften in starker Anbindung an pädagogische Zielsetzungen. Er erlitt einen schweren Schicksalsschlag, als sein Freund Salzmann 1811 verstarb. Salzmann war einer der Philantropen des 18.Jh., die die Bewegung der geistigen und körperlichen Betätigung erst ins Leben gerufen haben. Seine Anregungen erhielt er größtenteils von Basedow selbst.

Eine politische Angriffsfläche sah GutsMuths im Turnen nie. Das war auch der große Unterschied zum späteren Turnvater Jahn. Für GutsMuths war die körperliche Erziehung des Menschen wichtiger, als das Streben nach einer Widerstandsbewegung. Bis 1837 lehrte er in Schnepfenthal das Turnen und entwickelte die ersten Geräteübungen. GutsMuths hinterließ nach gut 40 Jahren Lehrertätigkeit in Schnepfenthal unauslöschliche Spuren. Ein halbes Jahrhundert lang brachte er seine Vorstellungen unter die Menschen. Auf vielen Anregungen und Schriften des Turnvater GutsMuths basierte das damalige Ringen. Er schrieb in 20 Jahren eine Bibliothek für die Pädagogik, gilt als Vordenker der Geographie sowie als Mitbegründer des Turnens. Einen unheimlichen Nutzen hatten seine Schriften für den Sport und die Pädagogik bewirkt. Hätte es Turnvater GutsMuths nicht gegeben, dann wäre die Geschichte des Ringkampfes anders verlaufen. Er hinterließ ein Erbe, das noch Jahrzehnte nach seinem Tode nachwirkte. Fast 80jährig stirbt GutsMuths 1839 in Ibenhain.
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[Kein Betreff] - von The Crusher - 19.06.2009, 21:28
[Kein Betreff] - von The Crusher - 19.06.2009, 21:30

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