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Der Standringkampf in Deutschland - Die deutsche Turnerbewegung
#3
Was Salzmann und GutsMuths aber nicht schafften, war das Turnen zu einer Volksbewegung zu führen. Das schaffte erst Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater. 1778 wird er in Lanz bei Ludwigslust geboren und setzte den Gedanken von GutsMuths fort. Jedoch machte er es anders und nutzte die politische und gesellschaftliche Situation aus. Jahn ist der eigentliche Begründer des Turnens sowie der Leibesübungen. Er wurde jedoch zeitweise von GutsMuths beeinflusst. Der streitbare Prignitzer machte sich so manche Feinde in Politik und Gesellschaft. Doch vermochte er es besonders die jungen Burschen in seinen Bann zu ziehen. Die Turnerei gestaltete sich am Anfang schwierig, fand sie doch nur bei einer Minderheit der Bevölkerung Interesse. Brennpunkt jener Zeit war der Freiheitskampf gegen Napoleon. Aus der politischen Situation heraus entwickelte sich erst langsam eine deutsche Bewegung, der vor allem junge Bevölkerungsschichten angehörten. Jahn bekam den Anreiz zum Turnen erst, als er GutsMuths 1807 in der Erziehungsanstalt Schnepfenthal besuchte. Während die Turnerei im ersten Jahrzehnt des 19.Jh. ihren Lauf nahm, entstanden die ersten Turnvereine. In der politisch angespannten Situation brauchte man Führer, die die Massen in Bewegung hielten. Zu den großen Anführern der Turner/Burschen wurden Jahn und der aus Rügen stammende Ernst Moritz Arndt. Besonders Arndt machte seinem Ärger Luft als er sagte:"Ich will den Haß gegen die Franzosen. Ich will ihn für immer." Arndt, ein starker Franzosenfeind, äußerte seinen Unmut vor allem in volkstümlichen Liedern und Streitschriften. Er wurde, wie Turnvater Jahn, im Zuge der Demagogenverfolgungen 1819 inhaftiert. Arndt gab noch besonders Anfeindungen in Richtung Paris preis mit dem Werk: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze". Arndt verstarb im hohen Alter von 91 Jahren 1860 in Bonn. Johann Gottlieb Fichte publizierte seine Anfechtungen und Ziele, indem er einen neuen Bildungstyp "Universität" schaffte. Der Widerstand gegen Napoleon sei nur zu schaffen, durch eine geistige Mobilmachung. Eine Bildungsreform ist notwendig, an dessen oberster Stelle die Ziele nach freier Wissenschaft und Persönlichkeitsformung stehen müssen. Fichte war ein Befürworter der französischen Revolution und ein Gegner der Fremdherrschaft unter Napoleon. Er vertrat die Ansicht, dass eine staatliche Nationalerziehung nur unter dem Verzicht von Standesprivilegien zu erreichen sei. Er wollte, wie viele Philantropen, dass die Bildung und Erziehung alle Bevölkerungsschichten erreichte. Die Turner/Burschen entwickelten einen wahren Haß gegen die Franzosen. Der Widerstand wurde durch Jahn noch verstärkt.

Der Hilfslehrer Jahn galt unter den Turnern als imposante Erscheinung und Anführerfigur. Er war ein Franzosenfeind der alles, sogar die Sprache, ablehnte. Sein Einfluss lag darin begründet, als er Tausende von Menschen mit dem Turnen infizierte. Jahn war zielstrebig, ernergisch und duldete keinen Widerspruch. Diesen förderte er aber selbst durch verbale Entgleisungen. In der Schrift "Deutsches Volkstum" von 1810 greift er Bevölkerungsgruppen an und läuft Sturm gegen die französische Fremdherrschaft: "Polen, Franzosen,Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück." Die Turner hatten seit ihren Anfängen keine Plattform, um von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden. Die Turnerbewegung wurde mehr und mehr zu einer antinapoleonischen Bewegung, zu dessen Anführern Jahn gehörte. Am Nachmittag des 19. Juni 1811 wird eine Grünanlage zwischen den Berliner Stadtteilen Tempelhof und Neucölln zum Ausgangspunkt der Turnerbewegung, die Hasenheide. Jahn versammelte sich mit ein paar Turnern und gründet den ersten deutschen Turnplatz. Er versuchte in Aufrufen an die Jugend für den Sport zu werben. Gleichzeitig stellte er auch seine eigene Meinung dar:

"Es kommt bei einer großen Zahl versteifter und verweichtlichter Knaben darauf an, den Leib an Anstrengung zu gewöhnen. Das Fußwerk baldmöglichst auszubilden, da die meisten kaum eine halbe Stunde ohne große Anstrengung gehen können."

Die Turner bauten auf dem Platz neue Gerätekonstruktionen auf, darunter Kletterstangen, Reck und den von Jahn entwickelten Barren. Jahn integrierte die von GutsMuths herausgebrachten Geräteübungen auf den Turnplätzen und führte sie weiter. Die verweichtlichten Berliner Stadtsöhnchen, wie er die jungen Burschen nannte, sollten zu richtigen Kerlen, zu richtigen deutschen Jungs umerzogen werden. Jahn entwickelte die meisten Turngeräte selbst und gab ihnen auch die Namen. Eifrig erarbeitete er ein Trainingskonzept aus, in dessen Mittelpunkt der Ringkampf stand. Er führte den "Standringkampf" ein, fast nach dem Vorbild der alten Griechen. Das Standringen etablierte sich lange Zeit in Deutschland und wurde erst verändert, als französische Kraftathleten den Bodenringkampf entwickelten. Einer dieser Turner, die unter Jahn den Ringkampf erlernten, war Eduard Dürre. Er und Jahn hielten ein Leben lang Freundschaft. Dürre beschrieb seine Erfahrungen mit eigenen Worten:

"Immer öfter fand ich mich jetzt draußen in der Hasenheide ein, wo der Herr Jahn mit einer Turngruppe übte. Wir rangerten, rauften, spielten Räuber und Bürger, bauten Schanzen. Es war Kriegsspiel, ja richtiges Kriegsspiel. Wir waren alle mit Eifer dabei. Der Lehrer Jahn hatte uns mit seinem Kampfgeist angesteckt. Tag für Tag übten wir vor allem Ringkämpfe. Und es waren inzwischen richtige Kämpfe, bei denen es auch schon mal Verletzungen gab."

Unter Jahns Führung bekamen die Turner mehr Kraft und eine bessere Kondition. Nun sah man sich den Zielsetzungen der Turner nähergekommen, die da lauteten: Im Kampf kann nur der bestehen, der einen kraftvollen, geschmeidigen und gesunden Körper hat. Wer sich dem Kampf stellt kann ihn gewinnen, wer davonläuft hat ihn schon verloren. Dürre berichtete in seinem Nachlaß über Konfrontationen mit anderen Burschen/Studenten, die den Turnvater Jahn zu Ringkämpfen herausforderten. Jahn schickte es an, erst dem Burschen den Vortritt zu lassen. Auf dem Turnplatz in der Hasenheide kam es zu einem Ringkampf zwischen einem Korpsburschen und einem Tilizianer. Der Bursche forderte Jahn zum Kampf heraus, der lehnte zunächst ab und wollte erst antreten, nachdem der Bursche zwei seiner Schützlinge umnietete. Das schaffte er nicht und verschwand verbittert. Jahns Burschen hatten gut lachen, haben sie doch erfolgreich die Herausforderung bestanden. Jahn war zufrieden mit dieser Leistung und meinte stets, dass seine Jungs einmal jeden "wurzeln" könnten, als umhauen. Die Turner zogen durch die Städte und Dörfer und sangen dabei plumpe Lieder. Sie traten kraftvoll und selbstbewußt auf. Hatten mitunter Sitten an den Tag gelegt, wie sie sich der Adel und die Kirche nicht zu träumen gewagt hätten. Gerade Jahn sah in diesem doch provozierenden Verhalten der Turner/Burschen, die Gelegenheit, seine Anfeindungen in Richtung Paris noch zu verstärken. Er war nicht mehr nur an der körperlichen Ertüchtigung interessiert. Gemeinsam mit den Schülern sang er auf Marktplätzen Lieder und brachte die feindlichen Äußerungen an den Mann. Die Turner griffen vor allem Ausländer an und verspotteten die Kultur oder Sonstiges was fremd erschien. Sie bauten Druck auf, wegen der angespannten Lage zwischen Preußen und Frankreich. Dass es Jahn auch um politische Ziele ging, bemerkten die Schüler anfangs nicht. Erst als es zu einer Konfrontation zwischen Jahn und Dürre kam, verstanden viele seiner Burschen, dass es ihm nicht nur ums Turnen ging:

"Woran denkst du wenn du das leere Brandenburger Tor siehst, auf dem nur noch eine nackte Eisenstange steht?"
Dürre merkte an das er keine Ahnung habe. Darauf setzte es eine schallende Ohrfeige von Jahn, der erbost meinte:
"Diese einsame Eisenstange, das leere Brandenburger Tor, ist die größte Schande die Napoleon über alle gebracht hat, die Deutsches Blut in den Adern haben. Die Quadriga mit der Freiheitsgöttin hat er uns genommen, mein lieber, merk dir das. Und solange der Platz dort oben leer ist, wird er uns daran erinnern."

Die Turner standen aber nicht alleine an der Spitze des Widerstandes. Mehr Einfluss bewirkten die Burschenschaften, welche sich ab 1815 gründeten. Die Burschenschaften, welche aus den Freikorps der Befreiungskriege entstanden sind, sahen ihre Hauptziele in antifranzösischen Bestrebungen, den Kampf für eine Republik und Grundlagen für die soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Turner und Burschen vertraten im groben die selben Ziele. Als Preußen im Zuge der sog. Demagogenverfolgungen nahezu alle Turnplätze schloß, verschwand offiziell die Turnerei. Inoffiziell existierte sie jedoch weiter und war schon längst von Deutschland aus zu einer weltweiten Bewegung herangewachsen. Für den französischen Kaiser waren diese Widerstandskämpfer nur lästige Zeitgenossen, die nicht mehr als störend wirkten. Durch seine Geheimpolizei war Napoleon stets informiert über die Geschehnisse in Preußen. Da es sich aber nur um kleine Gruppen handelte, schenkte er diesen keine Beachtung. Wichtiger war der Kampf gegen Russland, Östereich und Spanien.

[Bild: http://www.sv-warnemuende.de/jpg/friedri...g_jahn.jpg]
Friedrich Ludwig Jahn

Die beginnende Politisierung der Burschenschaften zeigte sich 1817 auf dem "Wartburgfest" bei Eisenach. Rund 500 Studenten trafen sich hier, um an die Reformation und die Leipziger Völkerschlacht zu erinnern. Die offizielle Feier, an der zwölf Universitäten und viele Behörden teilnahmen, verlief zunächst ruhig. Als der Abend anbrach regte vermutlich Jahn den Widerstand gegen die Franzosen an. Er löste damit eine stürmende Bewegung der Burschen aus, die sich sämtliche Bücher von reaktionären Schrifstellern schnappten und auf einem großen Haufen verbrannten. Die Autoren beschwerten sich und die Heilige Allianz bestehend aus Russland, Preußen und Östereich sah das nun nicht mehr als harmlosen Studentenstreich an. Es mussten Sanktionen folgen. Politik und Kirche bekämpften die Auswüchse an den Universitäten mit allen Mitteln. Im Jahre 1819 werden die "Karlsbader Beschlüsse" vom Frankfurter Bundestag verabschiedet. Es folgen harte Sanktionen gegen sog. "revolutionäre Umtriebe". Turnvater Jahn wird festgenommen und für 5 Jahre inhaftiert. Es wurde eine Turnsperre für ganz Preußen erlassen, in der Turnübungen verboten und unter Strafe gestellt wurden. Jahn wird nach seiner Freilassung 1825 unter Polizeiaufsicht gestellt. Erst 1842 wird die Turnsperre von Preußen aufgehoben und Turnen als Schulfach eingeführt. Was vor gut 50 Jahren startete, entwickelte sich nun zu einer weltweiten Bewegung. Im Ausland fand die Turnerei viele Anhänger. Für Jahn blieb Napoleon nur eine Witzfigur, den er verächtlich als "dem Neppel" bezeichnete. Den Beginn des Profiringkampfes in der zweiten Hälfte des 19.Jh. erlebte Jahn nicht mehr. Er stirbt 1852 in Freyburg an der Unstrut. Begraben liegt er an der Stirnseite der ersten Deutschen Turnhalle.

Was Jahn mit dem Standringkampf in Deutschland startete, setzten ab 1850 die Engländer, Franzosen und Italiener fort. Es entstand ein großes Netz an Bewegungsabläufen und die Zahl der Kraftathleten stieg. 1886 revolutionierte der französische Profiathlet Jean Doublier den Ringkampf, als er die erste richtige Wälzform entwickelte. Jahns Schüler kämpften nur im Stand. Mit der Integration des Bodesringkampfes in den Standringkampf, erschufen die Franzosen eine neues Zeitalter des Ringens. Auerswald, GutsMuths und Jahn bemühten sich stets darum, dem Sport mehr Aufmerksamkeit zu kommen zu lassen. Wir haben ihnen viel zu verdanken, auch wenn heute davon nicht mehr viel übrig geblieben ist. Der Ringkampf startete erst jetzt zu seiner Erfolgsgeschichte in die Zukunft. Eine ehrenwerte Stellung unter allen hat besonders der Turnvater Jahn verdient. Er war derjenige, der unter Einsatz seines Lebens für den Sport kämpfte. Gegen alle Widersacher musste er sich durchsetzen. Ihm ist es zu verdanken, dass durch die Mobilmachung der Jugend und der Einführung des Standringkampfes, viele Zeitgenossen und spätere Generationen in den Ringkampf eingestiegen sind.
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[Kein Betreff] - von The Crusher - 19.06.2009, 21:28
[Kein Betreff] - von The Crusher - 19.06.2009, 21:30

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