04.08.2010, 20:23
Dietmar Wischmeyer
Freie Meinungsäußerung
Als die Väter des Grundgesetzes eines Morgens noch blau vom Abend davor in den Sitzungssaal kamen, beschlossen sie "Das Recht auf freie Meinungsäußerung". Schade. Denn leider sind über 100% der freilebenden Bundesbürger keine Tucholskys und verlegen auch kein anarchisches Monatsblättchen. Aufgrund dieser fundamentalen Rechtseinräumung geben sie aber zu allem und jedem ihren Senf dazu.
Sonnabend nachmittag: Ich stehe an der Straße und versuche mit Ata die Taubenscheiße und Mückenkadaver von meinem Auto zu rubbeln. Da tritt ein wildfremder Mensch in mein Leben und plaziert seinen wohlgeformten Meinungsschiß: "Würd' ich nich machen, da bleiben winzige Kratzer im Lack." - Möglicherweise, wäre mir aber sonst gar nicht aufgefallen, seither sehr ich aber jeden Morgen ein totalzerkratztes Auto und ärgere mich schwarz. - Die neue Wohnung, Gäste werden durch die Räume geführt. Man betritt stolzgeschwellt das exakt nach dem Katalogvorbild gestaltete Protzo-Bad. Prompt klatscht die erste Meinungsfäkalie auf die blütenweisse Kachel: "Hätt' ich so nich gemacht, aber kann ja jeder machen, wie er will." - Die perfideste Form des Meinungsterrors: Das mal so eben dahingeschlenzte Todesurteil für die sündhaft teure Nasszelle kommt gänzlich ohne Argumente daher und sonnt sich auch noch in der Generosität der Toleranz gegenüber andersartigen - wenn auch nicht nachvollziehbaren - Badezimmerentwürfen. Aber so sind sie, die blöden Hunde, an jeder Ecke heben sie ihr Bein und strullen ihre Meinungspisse in der Gegend herum. - Es schellt an der Haustür, ich öffne und stehe einem Unbekannten gegenüber. Sein erster Satz: "Ich hätte die Tür 5cm weiter nach rechts gebaute - Ach nee, ist ja interessant, und ich deinen Kopf über den Augenwülsten 5cm höher.
Was bringt die Bekloppten bloß zu der Vermutung, irgend jemand sei an ihrem Gehirndünnschiß interessiert. Sie äußern sich ja nicht nur zur Fassadengestaltung fremder Anwesen, sondern haben auch und gerade zu weltpolitischen Themen eine wohlüberlegte Meinung parat: "Bosnien, oder wie dat da heißt - zehn deutsche Planierraupen, und das Problem wär' vom Tisch. - Tiefbau als humanitäre Hilfe, wie schön ... "ununun dann Betong drübber." Sicherlich! - Warum gibt es keine Abfallcontainer für braune Meinung, grüne Meinung und was weiß ich welche noch: Hauptsache, die Behämmerten halten ihre Köpfe in die runden Löcher und labern ihren Mumpitz direkt in die schallisolierten Behälter. - Solange diese drängende Entsorgungsfrage noch nicht gelöst ist, muß jeder Unbescholtene, der sich in die Öffentlichkeit wagt, darauf gefaßt sein, Opfer der freien Meinungsäußerung zu werden.
Ein Mann steht auf einem Bein mit Krücken vor dem Kaufhaus und hält eine Blechdose vor den Bauch. Statt still und andächtig den Obolus zu entrichten, schreitet der Bekloppte wie immer zur gnadenlosen Meinungsablage: "Ich an deiner Stelle hätte lieber zwei Beine - aber kann ja jeder halten, wie er will."
Freie Meinungsäußerung
Als die Väter des Grundgesetzes eines Morgens noch blau vom Abend davor in den Sitzungssaal kamen, beschlossen sie "Das Recht auf freie Meinungsäußerung". Schade. Denn leider sind über 100% der freilebenden Bundesbürger keine Tucholskys und verlegen auch kein anarchisches Monatsblättchen. Aufgrund dieser fundamentalen Rechtseinräumung geben sie aber zu allem und jedem ihren Senf dazu.
Sonnabend nachmittag: Ich stehe an der Straße und versuche mit Ata die Taubenscheiße und Mückenkadaver von meinem Auto zu rubbeln. Da tritt ein wildfremder Mensch in mein Leben und plaziert seinen wohlgeformten Meinungsschiß: "Würd' ich nich machen, da bleiben winzige Kratzer im Lack." - Möglicherweise, wäre mir aber sonst gar nicht aufgefallen, seither sehr ich aber jeden Morgen ein totalzerkratztes Auto und ärgere mich schwarz. - Die neue Wohnung, Gäste werden durch die Räume geführt. Man betritt stolzgeschwellt das exakt nach dem Katalogvorbild gestaltete Protzo-Bad. Prompt klatscht die erste Meinungsfäkalie auf die blütenweisse Kachel: "Hätt' ich so nich gemacht, aber kann ja jeder machen, wie er will." - Die perfideste Form des Meinungsterrors: Das mal so eben dahingeschlenzte Todesurteil für die sündhaft teure Nasszelle kommt gänzlich ohne Argumente daher und sonnt sich auch noch in der Generosität der Toleranz gegenüber andersartigen - wenn auch nicht nachvollziehbaren - Badezimmerentwürfen. Aber so sind sie, die blöden Hunde, an jeder Ecke heben sie ihr Bein und strullen ihre Meinungspisse in der Gegend herum. - Es schellt an der Haustür, ich öffne und stehe einem Unbekannten gegenüber. Sein erster Satz: "Ich hätte die Tür 5cm weiter nach rechts gebaute - Ach nee, ist ja interessant, und ich deinen Kopf über den Augenwülsten 5cm höher.
Was bringt die Bekloppten bloß zu der Vermutung, irgend jemand sei an ihrem Gehirndünnschiß interessiert. Sie äußern sich ja nicht nur zur Fassadengestaltung fremder Anwesen, sondern haben auch und gerade zu weltpolitischen Themen eine wohlüberlegte Meinung parat: "Bosnien, oder wie dat da heißt - zehn deutsche Planierraupen, und das Problem wär' vom Tisch. - Tiefbau als humanitäre Hilfe, wie schön ... "ununun dann Betong drübber." Sicherlich! - Warum gibt es keine Abfallcontainer für braune Meinung, grüne Meinung und was weiß ich welche noch: Hauptsache, die Behämmerten halten ihre Köpfe in die runden Löcher und labern ihren Mumpitz direkt in die schallisolierten Behälter. - Solange diese drängende Entsorgungsfrage noch nicht gelöst ist, muß jeder Unbescholtene, der sich in die Öffentlichkeit wagt, darauf gefaßt sein, Opfer der freien Meinungsäußerung zu werden.
Ein Mann steht auf einem Bein mit Krücken vor dem Kaufhaus und hält eine Blechdose vor den Bauch. Statt still und andächtig den Obolus zu entrichten, schreitet der Bekloppte wie immer zur gnadenlosen Meinungsablage: "Ich an deiner Stelle hätte lieber zwei Beine - aber kann ja jeder halten, wie er will."
